Die eigentlichen Strapazen beim „Dritten Internationalen Dirigentenwettbewerb der Herbert-von-Karajan-Stiftung“ in Berlin hatte das Sinfonieorchester des Westdeutschen Rundfunks durchzustehen: Bei rund 120 Einzelprüfungen dirigierender Eleven, die sich zukünftigen Pultruhms verdächtigen, mußte es die Begleitmusik liefern, täglich bis zu 16 verschiedene Dirigenten verkraften, 32 Werke zu diesem Zweck vorstudiert haben.

Den 65 Bewerbern wiederum wurde zugemutet, was kein Herbert von Karajan mit seinen Berliner Philharmonikern sich leistet, nämlich vor ein fremdes Orchester zu treten, ein bißchen hier, etwas dort anzumerken und dann auf Gedeih und Verderb zu konzertieren, besser: sich darzustellen und ein Stück Musik dazu, um kurz darauf schon aus dem Rennen zu sein. Unter den 65 Bewerbern waren auch drei Damen. Die Emanzipation der Frau, meinte dazu der Juror und Koordinator Herbert Ahlendorf, dringe auf allen Gebieten vor, dennoch habe er den Eindruck, daß es sich beim Dirigieren „um eine Funktion handelt, die dem männlichen Geschlecht etwas vorbehalten ist“, und so waren die Damen denn auch nach der Vorrunde draußen.

Die Juroren schließlich, sechzehn an der Zahl, aus der Schallplattenproduktion zumeist und aus den Musikabteilungen der Funkhäuser, Damen und Herren also mit dem Gespür dafür, was ankommt heute und was zu vermarkten ist, durften sich bei alledem in die Sessel der Berliner Musikhochschule lehnen: Es sei, ließ einer wissen, schnell zu spüren, ob ein Dirigent eine Ausstrahlung habe oder nicht.

Von den vieren, die beim Wettbewerb am besten mit Talent, Routine, Glück, Nerven oder Beziehungen ausgestattet waren und das „Finalkonzert“ um Gold, Silber, Bronze oder die Ehre bestritten, ließ sich in der Live-Übertragung (SFB und WDR) folgendes vernehmen:

Da war einer, der Mozarts g-Moll-Sinfonie (KV 550) sehr bedächtig und behäbig darbot, nicht unbedingt sehr präzise in seinen Einsätzen und Abschlägen, mit harten Verknüpfungen der Themen im zweiten Satz, mit bäuerlicher Schwere im dritten, vordergründig und ohne eigentlich die Diskrepanz zwischen Melancholie und Leichtigkeit anzudeuten – er gewann den zweiten Preis: Hubert Soudant aus Maastricht, 27 Jahre alt.

Da zeigte jemand, mit „Don Juan“ von Richard Strauss, daß er dem Orchester einen strahlenden Klang, Brillanz, einen hervorragenden Streicherglanz, sauber abgefangene Tempoveränderungen abverlangen kann und daß dennoch nur eine schön klingende, aber nichtssagende Fassade, eine musikalische Seifenblase daraus wird – er gewann den dritten Platz: Herbert Gietzen aus Koblenz, 26 Jahre, Assistent des Stiftunggebers Karajan in Salzburg, Schüler des Wettbewerbs-Koordinators Herbert Ahlendorf.

Da demonstrierten ein 24jähriger Japaner und ein 26 Jahre alter Russe, der eine an Tschaikowski der andere an Ravel, was Routine ist, wie man, mit ungeheurer Wucht, mit Klangeruptionen, mit Emotion, nein: Sentimentalität, mit Schmalz, auch mit effektvollen Pausen der eine, mit schreienden Farben und wildem Klangrauschen, mit hektischen Crescendi und großen Klangeskapaden der andere, ein Publikum und eine Jury gewinnt: Kazuhiro Kaizumi und Wassilij Sinaiskij teilten sich den ersten Preis.