Es gibt Schriftsteller, die man mit Kritikerhochmut zeitlebens für zweitrangig gehalten hat – nur weil sie nie aus festgelegter, vielleicht abgelegener Provinz herausgetreten sind. Charles Ferdinand Ramuz war als Welschschweizer, als Waadtländer abgestempelt. Im französischen Original lasen ihn manche Franzosen, zählten ihn jedoch keineswegs zu den Ihren (obgleich er sich heute als viel „haltbarer“ erweist denn manche Zeitgenossen, etwa Montherlant oder Giono). Einiges von Ramuz las man auch bei uns in deutschen Übersetzungen, voller Hochachtung und Verwunderung. Aber die ganze Figur des Schriftstellers Ramuz kam nie zum Vorschein. Man kannte den Roman „Das Grauen in den Bergen“ oder das Bändchen, in dem Ramuz von der Zusammenarbeit mit Strawinsky bei der „Histoire du Soldat“ erzählt. Mit sympathischer Bescheidenheit nimmt der Welschschweizer Ramuz sich darin ganz zurück hinter dem weltläufigen, berühmten Komponisten im Exil während des Ersten Weltkrieges.

Wenn man die gesammelten Schriften dieses Waadtländers liest, von denen jetzt der vierte Band erschienen ist –

Charles Ferdinand Ramuz: „Werke, Band 4“, aus dem Französischen von Hanno Helbing, herausgegeben von Werner Günther; Verlag Huber, Frauenfeld, 1973; 550 S., Subskriptionspreis 36,– DM

wird klar, daß Ramuz selber ein großer Dichter im Exil gewesen ist: im Exil eines sprachlichen Zwischenreiches, das nicht über die zufälligen Landes- und Provinzgrenzen hinausdringen konnte. Die Romane des neuen Bandes, „Die Schönheit auf der Erde“, „Farinet oder Das falsche Geld“, „Derborence“, „Der Bursche aus Savoyen“, lassen den Leser Ramuz als einen der bedeutendsten Erzähler Europas entdecken.

Es gehört Mut dazu, die Gesamtausgabe in sechs Bänden in deutscher Sprache zu wagen. Wichtigste Voraussetzung für das Gelingen war die Art der Übertragung. Man zollt dem Übersetzer Hanno Helbing Bewunderung und Dank für die sprachliche Sensibilität, die dem Ramuzschen Stil ihre Eigenart auch im Deutschen zubringt; man kann nicht sagen „bewahrt“, denn es handelt sich darum, eine spezifische Entsprechung nicht nur zu finden, sondern zu „erfinden“, ein Deutsch, das durchschossen ist mit Eigenheiten und Eigenwilligkeiten. Ramuz schrieb kein „reines“, kein klassisches Französisch. Seine Sprache hat eine lokalgebundene Notwendigkeit. Man erinnert sich an ein (auch geographisch) naheliegendes Sprachwunder: Jeremias Gottheit. Der Pfarrer Gotthelf schrieb nicht um des Dichtens willen: Er wollte (teils im Auftrag der Berner Regierung) seine Emmentaler Bauern und Häuslersleute aufklären, vor Aberglauben, Quacksalbern bewahren, und lockerte daher seine Schreibsprache mit „Sprechsprache“ auf. Ramuz mischt seiner Prosa, die romantisch, lyrisch, oft „sagenhaft“ ist, die entsprechende Prise an Realität bei, das heißt, er gibt ihr die Färbung der Provinz. Ob dieser Ton, diese Musik, diese Gangart in die deutsche Sprache übertragen werden konnten, das entschied über die Existenz des Schriftstellers Ramuz – jenseits des sprachlichen Provinz-Exils.

Was wäre sonst aus der „Schönheit der Erde“ geworden, deren Gang hin- und herspielt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, so wie die Bürgersleute hin- und herbewegt werden von der Schönheit der Juliette, der verwaisten Auswanderertochter, die aus Mexiko zu den Waadtländer Verwandten zurückkehren muß, heim ins Exil, aus dem sie dann über Nacht wieder, wer weiß wohin, entflieht: „Und da erschien sie nun wieder; und eine große Freude entstand auf den Bergen ... Sie setzt ihre schönen bloßen Füße auf die Kieselsteine ... Sie sieht, wie die Berge in diesem Augenblick von der Seite her angerührt wurden von der Sonne, die sich senkte, und ihr Licht war nun weniger weiß; wie Honig war das an den Felswänden. Weiter unten, auf den Wiesenhängen, lag es’wie Goldstaub; über dem Wald eine heiße Asche. Alles machte sich schön... Es gibt einen Platz für die Schönheit...“

Toni Kienlechner