Von Bernd C. Hesslein

Das Alarmzeichen kam aus dem Pentagon. James Schlesinger, der neue Verteidigungsminister Präsident Nixons und in seinem von der Denkschule des Kalten Krieges geprägten Sicherheitskonzept ein Gegenspieler Außenminister Kissingers, setzte die westliche Öffentlichkeit vor einiger Zeit einem neuen Raketenschock aus. Die Sowjetunion, so verkündete er vor der Presse, habe nach Erkenntnissen der amerikanischen Satellitenaufklärung seit Mai dieses Jahres „geradezu abenteuerliche Versuchsserien“ mit sogenannten Mirvs gemacht, das sind Langstreckenraketen mit mehreren, einzeln zu steuernden Atomsprengköpfen. Die an Nutzlast und Reichweite den amerikanischen Raketen überlegenen sowjetischen Trägerwaffen enthalten sechs Sprengköpfe, gegenüber drei Wasserstoffbomben in der amerikanischen „Minuteman“. Damit, so der Professor aus der militärischen Denkfabrik der Rand Corporation, seien die Chancen für die zweite Runde der amerikanischsowjetischen Verhandlungen zur Begrenzung der strategischen Rüstung – im Fachjargon Salt II genannt –, die nach den Vereinbarungen zwischen Nixon und Breschnjew noch zum Jahresende abgeschlossen werden sollen, „in bedauerlicher Weise“ reduziert worden.

Richtig ist, daß die Vereinigten Staaten in dem für fünf Jahre geltenden Interimsabkommen Salt I vom 26. Mai 1972 eine zahlenmäßige Unterlegenheit bei den land- und seegestützten ballistischen Raketen zugunsten ihres Vorsprungs in der Mirv-Technik hingenommen haben. Zugleich haben sie der Sowjetunion zugestanden, diesen Vorsprung aufzuholen. Denn zur Philosophie der Rüstungsbegrenzung der beiden Supermächte gehört, sich keinen das Gleichgewicht gefährdenden Vorteil zu verschaffen, zugleich aber innerhalb des vereinbarten Rahmens alle Möglichkeiten zur Verbesserung der Waffentechnik auszunutzen. Dies hat nun die Sowjetunion getan und müßte vernünftigerweise die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Salt-II-Runde sein.

Doch das Rüstungswettrennen wird dadurch nicht gebremst. Es findet nur auf einer anderen, immer schwerer zu kontrollierenden Ebene der hochgezüchteten Superwaffen statt. Das militärische Traumziel des ersten Vernichtungsschlages bleibt weiterhin unerreicht, statt dessen werden die Grenzen der Overkill-Kapazität, also der Fähigkeit zur mehrfachen Vernichtung des Gegners, immer weiter hinausgeschoben.

Dieses Dilemma einer quantitativen Rüstungskontrolle, die in ein qualitatives Rüstungswettrennen umschlägt, ist das Thema von

Dieter Senghaas: „Aufrüstung durch Rüstungskontrolle“, Urban-Taschenbücher, Reihe 80, Band 835; Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 1972; 160 S., 8,80 DM.

Der Autor, Jahrgang 1940, ist der streitbarste Sprecher der sogenannten kritischen Friedensforschung, also jener Richtung, die in der Abwesenheit von Krieg noch keine Friedenssicherung sieht und die der orthodoxen Abschreckungsdoktrin die These von der sozialen Verteidigung gegenüberstellt. Solche wohlbegründete Skepsis gegenüber der herkömmlichen Sicherheitspolitik, die sich allein auf das militärische Kalkül stützt, findet in dem größten Rüstungskontrollvorhaben unserer Zeit, den in Wien wieder angelaufenen Ost-West-Verhandlungen über gegenseitige und gleichgewichtige Truppenreduzierungen (MBFR), genügend Ansatzpunkte zur Kritik.