Die gesprächige Poesie Johann Peter Hebels

Von Christian Schultz-Gerstein

Es sei, meinte Friedrich Schiller, „ein gewohnliches Vorurteil, die Größe des Menschen nach dem Stoffe zu schätzen, womit er sich beschäftigt“. Und tatsächlich haben es in Deutschland nur jene Dichter zu Klassikerehren gebracht, die in dickleibigen Romanen und aufwühlenden Dramen kosmische Themen und prometheische Helden präsentierten. Dichtung, so wollte es das Bürgertum, hatte total zu sein, hatte sich nicht bei alltäglichem Kleinkram aufzuhalten, sondern das Universum und die darin waltenden Prinzipien gestaltend zu überschauen. Dieses monumentale bürgerliche Literaturverständnis hat unter sich eine ganze Reihe von Dichtern begraben, deren Werk sich zum Heroenkult denkbar schlecht eignete.

Da war etwa Salomon Geßner, der Schweizer Idyllendichter: Im Frankreich Rousseaus stürmisch gefeiert, wurde er in Deutschland (von Hegel) als unheldischer Kleingärtner verspottet. Von Maler Müller, von Johann Heinrich Voß und anderen Meistern der kleinen Form zu schweigen, die der Vergessenheit anheimfielen und in Literaturgeschichten bis heute lediglich ein statistisches Dasein fristen.

Auch Johann Peter Hebel würde wohl kaum die Grenzen regionalen Angedenkens überschritten haben, wenn nicht Goethe Hebels Alemannische Gedichte“ gelobt hätte und wenn die Bewunderer von Hebels Kalendergeschichten sich nicht dadurch hätten rückversichern können, daß auch der Weimarer Dichterfürst von diesen Kleinstgeschichten angetan gewesen ist.

Heute wird, um Hebels Größe zu beweisen, Kafka angeführt, der Hebel mit den Worten geschätzt haben soll, dieser Dichter sei „nicht vom wahren Wort abgesperrt“. So wurde Hebels Werk auf dem Umweg über die anerkannten Kulturgrößen in die Gegenwart gerettet, und wirklich war das Werk selbst nicht aus dem Holz, aus dem der faustische Kulturgeschmack des Bürgertums unvergängliche Dichter zu schnitzen pflegt.

Muttersehnsucht