Möglichkeiten und Schwierigkeiten

Von Rudolf Walter Leonhardt

Seit drei Jahren, so lange also, wie ein normales Grundstudium in England dauert, gibt es jetzt diese Universität, an der jeder studieren kann. Berechtigungsnachweise wie ein Schulabgangszeugnis oder dergleichen werden nicht verlangt. Und kein Student sieht „die Universität“ je von innen. Die meisten Engländer wüßten auch gar nicht zu sagen, wo sie eigentlich liegt: die größte Universität des Landes, die Open University.

Viele vermuten sie „irgendwo in London“. In Wirklichkeit fährt man vom Londoner Bahnhof Paddington fast eine Stunde, bis man in Bletchley ankommt, einer kleinen, weder schönen noch aufregenden Industriestadt in der Grafschaft Buckinghamshire. Von dort fährt ein Autobus noch einmal eine halbe Stunde, bis er den Besucher absetzt vor einem sonderbaren Gebäudekomplex, zum einen Teil Landhaus, zum anderen Baracke. Vorerst deutet noch wenig darauf hin, daß er sich hier, wenn es nach dem Willen der Planer geht, in Milton Keynes befindet, einer Großstadt der Zukunft.

Wilsons Fernseh-Universität

Universitäten haben die für den Reporter lästige Eigenschaft, daß es dort eigentlich nichts zu sehen gibt, was notwendig mit der Sache selber zusammenhinge. Die „Sache selber“ ist für die studentenlose Universität der noch nicht existierenden Stadt Milton Keynes die gleiche wie etwa für Oxford. Nach dem äußeren Erscheinungsbild haben beide jedoch so wenig miteinander zu tun wie ein Barockschloß und ein Einwohnermeldeamt. Einige Oxforder (und Cambridger und Londoner) Gelehrte meinen, die Form sage hier doch auch mehr über den Inhalt, als hoffnungsfrohe Reformer sich das träumen ließen: Doch solche Skepsis hat spürbar abgenommen.

Gewiß, nicht alle Blütenträume sind, gereift. Aber nach drei Jahren. des Fimktioaierens läßt sich so viel feststellen: Sozialistischer Enthusiasmus und angelsächsischer Pragmatismus haben da etwas geschafft und durchgesetzt, wovon die Sachverständigen mit erdrückender Mehrheit geurteilt hatten, das gehe doch gar nicht.