Es geschieht selten genug, daß Schriftsteller im hohen Alter weiterhin wachsen, sich steigern, immer noch besser werden. So etwas scheint ein Privileg von Politikern, Staatsmännern und Parteiführern zu sein – aber in der Literatur? Das Phänomen (das einmal einer gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung würdig wäre) ist erneut zu registrieren. Seit vierzig Jahren gehört Marie Luise Kaschnitz als Lyrikerin, Erzählerin, Essayistin sozusagen zum gesicherten Bestand unserer Literatur, aber noch nie fand ich sie, um das vorweg zu sagen, so gut, so vollkommen im Besitz ihrer Möglichkeiten wie jetzt. Hier ist niemand entrückt und zur Weisheit verklärt. Hier ist ein Autor, immerhin schon über die Siebzig, ganz zu sich selbst gekommen, also beneidenswert gegenwärtig.

Es muß, wenn ich es recht sehe, im Lebensweg dieser Frau gewisse Krisen und Entwicklungsschübe gegeben haben, die sie erst allmählich und sozusagen schrittweise zu dieser letzten Identität geführt haben. Eine Offizierstochter, eine Adlige und auch noch eine Preußin, die sich erst langsam und bedächtig aus der traditionellen Kunstsinnigkeit ihres angestammten Bildungsbürgertums freischrieb. Spätestens in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre muß sich ein solcher Reifungsschritt bei ihr vollzogen haben. Die Wendung von der Klassik zur Moderne, von den mythischen Stoffen zur Gegenwart ist ablesbar zwischen ihren römischen Betrachtungen „Engelsbrücke“ (1955) und dem Erzählungsband „Lange Schatten“ (1960). Kein Neuanfang, kein Bruch, wohl aber eine Ausweitung und Annäherung an das eigene Ich, ein wachsender Mut zu sich selber. Je mehr sich diese Autorin fand, auf das ihr eigene Gebiet beschränkte (man könnte es die kleine literarische Form nennen: das Gedicht, die knappe Erzählung, die Meditation, das Tagebuchblatt), um so besser, intensiver, und das heißt ja wohl souveräner wurde sie.

Es hat nichts mit Indiskretion zu tun, wenn man in diesem Zusammenhang auch die zweite Krise erwähnt, die sie bis ins Letzte erschütterte; ihre Bücher der sechziger Jahre handeln unübersehbar davon. Der Tod ihres Ehemanns, des Archäologen Guido Kaschnitz-Weinberg, muß diese Frau 1958 wie eine tiefe Lähmung und tödliche Selbstbedrohung getroffen haben. Melancholie und Schweigen: Wer kann heute noch so tief trauern? Das im Grunde schreckliche, in Deutschland oft mißbrauchte Nietzsche-Wort: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“, darf hier einmal zu Recht zitiert werden. Nach dieser Existenzkrise, die sich zunächst in dem Gedichtband „Dein Schweigen – meine Stimme“ (1962) niederschlug, ist jedenfalls wieder ein Reifungsschritt ablesbar. „Eines Tages bin ich zurückgekommen, zurück woher, davon werde ich später sprechen, jetzt nur so viel sagen, daß ich fort war, lange und weit fort.“

Bestürzende Fülle der Welt

Karge Worte dieser Art, mit denen der Prosaband von 1963 „Wohin denn ich“ einsetzt, lassen erkennen, wie der Schmerz gemeistert wurde: neue, vorsichtige Hinwendung zur Welt. War jetzt auch so etwas wie eine letzte Liebesunterwerfung überwunden? War sie erst jetzt ganz frei? Jedenfalls strömt jetzt Welt überall in ihre Prosa ein, „die bestürzende Fülle der Welt“, wie sie selber es nannte. Formal werden ihre Texte härter, trockener, wenn man will, unlyrischer. Der schmale Prosaband „Beschreibung eines Dorfes“ (1966) zeigt sie, auch im Handwerklichen auf neuen, formal kunstvollen Wegen der Erzähltechnik.

Warum so lange Einleitungen, so ausführliche Entwicklungslinien vorweg? Weil es leicht sein könnte, daß das jüngste Buch der jetzt dreiundsiebzigjährigen Autorin–

Marie Luise Kaschnitz: „Orte“, Aufzeichnungen; Insel Verlag, Frankfurt, 1973; 244 S., 22,– DM