Im nacholympischen Prozeß der Ernüchterung und Sozialkritik, der die Spitzenathleten in diesem Lande laut übereinstimmender Bundestrainer-Aussage fast schon zu Sorgenkindern der Gesellschaft macht, läßt sich mit dem hohen Lied der sportlichen Leistung verständlicherweise kein Blumentopf gewinnen. Die Anerkennung in Fachkreisen wird allerdings der in einer Broschüre zusammengefaßten Münchener Bilanz, die gleichzeitig den roten Faden der weiteren Entwicklung beinhaltet, nicht versagt bleiben. Der Bundesausschuß zur Förderung des Leistungssports im Deutschen Sportbund hat als Herausgeber nicht nur eine Fleißarbeit präsentiert, sondern auch den Grundstein dafür gelegt, daß Rekordverdächtige und Medaillenaspiranten nicht mehr von der Hand in den Mund oder aus der berühmten Aktentasche selbstherrlicher Verbandsfunktionäre leben müssen.

Was nämlich sportliche Normalverbraucher guten Glaubens als längst bewältigte Vergangenheit einstufen, ordnet der Fachmann hier mit Zahlen und Daten der Liste der noch nicht annähernd gelösten Gegenwartsprobleme zu. Denn wer hatte das gedacht: Die Analyse der Münchener Ergebnisse brachte hervor, daß die bundesdeutschen Erfolge in den meisten Fällen auf hohe Begabung der Sportler und die Motivation ihres Starts in der bayerischen Metropole zurückzuführen sind, daß sie aber keineswegs die Folge eines modernen langfristigen Trainingsprozesses und des wissenschaftlich begründeten und gesteuerten Systems waren. Die Mitarbeit der Sportmedizin und der Einfluß wissenschaftlicher Erkenntnisse hielten sich demnach in Grenzen.

Das dringende Bedürfnis, hier entscheidende Änderungen einzuleiten, steht also erneut im Mittelpunkt der Diskussionen um die Vorbereitung der nächsten olympischen Bewährungsprobe. Nur liegt diesmal alles übersichtlich geordnet und langfristig terminiert schriftlich vor, was sich in früheren Jahren dank des mehr oder weniger zufälligen Funktionärsengagements einer genauen Erfolgskontrolle entzog. Will man sich am großen Wettstreit um Siege, Medaillen und bevorzugte Ranglistenplätze weiterhin beteiligen, dann gilt es, sich an Tatsachen zu orientieren, die in der Broschüre beispielsweise so festgehalten sind: „Erfolge und Mißerfolge bei Olympischen Spielen hängen davon ab, inwieweit Wissenschaftliche Erkenntnisse bei der Vorbereitung ausgewertet werden.“

Auch München bestätigte das bei den bisherigen Spielen festgestellte Charakteristikum, daß die besten Ergebnisse auf eine kleine Anzahl von Ländern beschränkt bleiben. So gewannen 12 Nationen (davon 6 sozialistische) mehr als 78 Prozent aller möglichen Medaillen. Seit Rom 1960 hat es nur geringe Veränderungen in dieser Skala gegeben, in der auch die Bundesrepublik mit sogar ansteigender Tendenz direkt hinter der Spitzengruppe rangiert. Doch schon eine etwas intensivere Beschäftigung mit den Einzelheiten der Entwicklung liefert den Beweis für den „unvermeidlichen“ Erfolg systematischer Arbeit. Zu den jahrelang allein herrschenden Sport-Supermächten USA und Sowjetunion hat sich mit der DDR ein kaum schwächerer dritter Partner hinzugesellt. Dabei wird deutlich, daß die DDR ihre Medaillen in erster Linie von den Amerikanern holte, die im Vergleich zum Mexiko-Anteil und im Gegensatz zu den Russen beachtliche Einbußen hinnehmen mußten. Darüber hinaus haben die sozialistischen Länder die weitaus größten Fortschritte erzielt. Ein speziell zur Erfassung aller Siege und Plazierungen angewandtes Punktsystem drückt das in Zahlen aus: Die 11 sozialistischen der 121 in München beteiligten Länder, von denen insgesamt nur 58 in die Wertung kamen, holten sich einen Anteil von 47 Prozent aller zu gewinnenden Punkte.

Mehr auf das Individuum Sportler bezieht sich die Analysenerkenntnis, wonach Spitzenathleten der führenden Nationen insgesamt 1300 Stunden an 270 Tagen im Jahr trainieren. Von Altersuntersuchungen über die Erfassung der Körperbaumerkmale und die Durchleuchtung der Topform weitbester Athleten bis schließlich zur systematischen Übertragung der Ergebnisse auf die bundesdeutschen Verhältnisse reichen die weiteren Resultate der DSB-Fleißarbeit.

Harald Pieper