G. F. Kennans Erinnerungen an die Jahre von Truman bis Kennedy

Von Richard Schmid

George F. Kennan: „Memoiren 1950–1963“; aus dem Amerikanischen von Hans Jürgen Baron von Koskull; Goverts-Krüger-Stahlberg-Verlag, Frankfurt 1973; 368 S., 30,– DM

Der zweite Band der Memoiren von George F. Kennan enthält, wie der erste, eine Fülle von wichtigen politischen und diplomatischen Fakten, Bewertungen, Deutungen die, auch soweit sie aus anderen Arbeiten bekannt sind, durch die ungemein gescheite, eindringliche und differenzierte Darstellung Kennans unsere Einsicht in die Vorgänge einige Schichten tiefer dringen lassen. Was aber der zweite Band außerdem bringt, ist ein gesteigertes psychologisches Interesse am Autor selber und an den Reibungen und Konflikten, die er mit seiner amtlichen Umwelt – und nicht nur mit dieser – zu bestehen hatte.

Darin stecken vielerlei Fragen. Zum Beispiel: Warum hat die amerikanische Außenpolitik die Analyse und die Ratschläge ihres erfahrensten und intelligentesten Ostexperten – dem sogar John Foster Dulles mit gebannter Aufmerksamkeit zugehört hat – in der politischen Praxis glatt übergangen? Hat es Kennan falsch angegriffen? Oder war er nicht imstande, oder war es ihm schlicht zu dumm oder zu widerwärtig, den Kampf mit den Widerständen auf deren Terrain, nämlich der Innenpolitik, aufzunehmen? Warum ist ihm mißlungen, was sein ebenso gelehrter, aber weniger sensibler und feinhäutiger Kollege Kissinger zuwege gebracht hat, indem er einen Mitkämpfer Joe McCarthys dazu vermocht hat, die Rolle des Champions der Entspannung zu spielen – wie der sie spielt, ist eine andere Frage.

Dabei war in George Kennan der Drang von der Erkenntnis zur Tat, von der Analyse sur Wirkung und Praxis stark. Aber eben dieser Widerspruch zwischen seinem Hang und seiner Begabung zur historischen und rationalen Analyse einerseits und den in den wichtigsten Punkten erfolglosen Versuchen anderseits, daraus eine praktische Politik herzuleiten, macht ins den Mann interessant. Um so mehr, als er selbst es versteht, uns die Konflikte und ihre Ursachen im Einzelfall mit großer Sachkunde und Beschlagenheit und mit einem höchst flexiblen, nuancierten Sprachvermögen deutlich zu machen. Schließlich hat er resigniert:

„Die folgenden Jahre brachten manche Versuchung für mich, über die aktuellen Probleme der Europapolitik und der Militärpolitik meine Meinung zu sagen. Gelegentlich gab ich diesen Versuchungen nach, hätte das aber, wie ich die Dinge heute ansehe, besser nicht getan. Ich hatte gesagt, was ich sagen wollte. Die Beschäftigung mit der Geschichte, zu der sich im allgemeinen diejenigen flüchten, die angesichts der Gegenwart das Gefühl der Hilflosigkeit überkommt, wäre für mich die geeignetere Tätigkeit gewesen und war es auch manchmal.“