Die Unlust an der Bilderschwemme

Von Theo Löbsack

Nach einer Statistik des Verbandes der Deutschen Photographischen Industrie sind im Jahre 1972 in der Bundesrepublik jede Sekunde sechsundfünfzig Aufnahmen gemacht worden, insgesamt fast 1,8 Milliarden. Rechnet man für das Anschauen jedes dieser Photos nur drei Sekunden, so ergaben sich 167 Jahre reine Betrachtungszeit. Um die bundesdeutsche Bilderschwemme eines einzigen Jahres zu besichtigen, würden zwei Menschenalter nicht ausreichen.

Alle diese Photos kommen aus Apparaten unterschiedlicher Ausstattung. Sie kommen aus hochkarätigen Kameras voller Raffinessen, deren Anblick den Könner signalisiert, und sie kommen aus Knipskästen von einfachster Beschaffenheit. Und zunehmend ersticken wir in Quantität, die Qualität tritt mehr und mehr zurück.

Nicht, daß unter den vielen Bildern keine großen Würfe, keine einsamen Leistungen mehr wären. Sie sind es gewiß, dafür sorgt schon die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Es geht jedoch um anderes. Müssen wir nicht fürchten – oder ist es längst geschehen? –, daß unsere Augen blind werden für das wirklich Bewahrenswerte? Stumpfen wir nicht ab im Überdruß des Schauens? Wie strapazierbar, wie regenerierbar ist das, was man das Betroffensein, das Bewegtwerden durch ein Photo nennt?

Seit es automatische Kameras gibt – ein Blick, ein Klick, ein Photo –, seither ist ein halbwegs richtig belichtetes Bild kein Ergebnis leidenschaftlicher Mühe mehr, sondern es ist ein weitgehend maschinelles Erzeugnis geworden. Blende und Verschlußzeit werden elektronisch ermittelt und mechanisch gepaart, der Photoamateur braucht mit dem Anvisieren und dem Knopfdruck nur noch das „Was“ des Bildes beizusteuern – alles andere nimmt ihm sein Zauberkasten ab. Er macht es unter Ausschluß des denkenden, des empfindenden und gestaltenden Menschen.

Und damit das „Machen“ nicht zu trostlos wird, helfen Bezeichnungen aus der Wildwestsprache dem photographischen Erfolgserlebnis nach. So wird heutzutage nicht mehr schlicht photographiert, sondern es wird „geschossen“ – gegebenenfalls aus der Hüfte heraus für besonders lebensnahe Photos, ja, man kann sogar hören: „Da hat meine Kamera aber wieder zugeschlagen!“ Die Befriedigung ist perfekt.