Eines der gebräuchlichsten Arzneimittel gegen epileptische Anfälle ist jetzt in den Verdacht geraten, in manchen Fällen Mißbildungen bei Neugeborenen zu verursachen, wenn Mütter das Medikament während der Schwangerschaft einnehmen.

Es handelt sich um den Wirkstoff Diphenylhydantoin, eine Entwicklung des amerikanischen Pharmaherstellers Parke-Davis. Die Firma brachte das Medikament in den USA unter der Warenbezeichnung „Dilantin“, in Deutschland unter dem Namen „Epanutin“ heraus. Das Antiepileptikum wird in der Bundesrepublik auch von anderen Arzneimittelherstellern verkauft – so als „Comital“ (Firma Bayer), „Zentronal“ und „Zentropil“ (Nordmark), „Antisacer“ (Wander), „Apydan“ (Desitin) und „Glyboral“ (Pharmakochemie).

In einem Bericht des angesehenen US-Fachblattes New England Journal of Medicine vom 15. November 1973 schreiben sechs Wissenschaftler unter der Leitung von Richard R. Monson, daß sie nach dem Studium von 50 897 Schwangerschaften epileptischer Mütter eine ungewöhnliche Häufung von Mißbildungen bei den Babys jener Frauen feststellen mußten, die Diphenylhydantoin während der Schwangerschaft täglich genommen hatten. Als Mißbildung wurde von den Forschern angesehen: Froschkopf (Anenzephalie), Gehirn Wassersucht, Kleinköpfigkeit, gespaltene Wirbelsäule, Hasenscharte, verkrüppelte oder nicht vorhandene Gliedmaßen, Überzähligkeit von Fingern oder Zehen, zusammengewachsene Finger und angeborene, lebensbedrohende Herzkrankheiten.

Von den 98 Müttern, die das Medikament jeden Tag schluckten, hatten sechs mißgebildete Kinder – das entspricht einem Verhältnis von etwa 61 je 1000 Geburten. In einer Vergleichsgruppe von 50 591 Frauen, die nicht an Epilepsie litten, gab es Mißbildungen nur bei 25 von 1000 Geburten.

Daß nicht die Epilepsie die Mißbildungen verursachte, sondern höchstwahrscheinlich das Diphenylhydantoin, belegt nach Meinung der Forscher eine andere Statistik: Epileptikerinnen, die während der Schwangerschaft das Arzneimittel überhaupt nicht schluckten, hatten eine ähnliche Mißbildungsrate wie völlig gesunde Frauen; sie betrug 29,7 je 1000 Geburten. Schon bei sporadischer Verwendung des Diphenylhydantoins während der ersten vier Schwangerschaftsmonate steigt das Verhältnis auf 34,5, bei Einnahme nur nach dem vierten Monat steigt es um 51,3.

In der Diskussion ihrer Ergebnisse schreiben die Forscher, daß „die Wahrscheinlichkeit, ein mißgebildetes Kind zu bekommen, bei epileptischen Frauen mit Diphenylhydantoin-Konsum zwei bis drei Mal größer ist als bei Nicht-Epileptikerinnen.“ Die Mediziner betonen jedoch, daß dieses Ergebnis die Ärzte nicht gänzlich davon abhalten sollte, Diphenylhydantoin zur Beherrschung epileptischer Anfälle während der Schwangerschaft zu verschreiben. Denn: „Krämpfe können sowohl das Leben der Mutter als auch das des Kindes gefährden“.

Da es für das Medikament heute noch keinen gleichwertigen Ersatz gibt, müßte es wohl weiterhin eingesetzt werden – die Ärzte sollten aber „mit großer Vorsicht“ vorgehen und das eine Risiko (Mißbildung durch Diphenylhydantoin) gegen das andere (Schädigung durch einen Anfall) abwägen.

Wegen der Bedeutung dieses Themas setzt sich das New England Journal of Medicine in derselben Ausgabe auch in einem Leitartikel mit Diphenylhydantoin auseinander. Das Blatt weist darauf hin, der britische Wissenschaftler Fedrick habe unlängst ermittelt, daß bei gleichzeitiger Anwendung von Diphenylhydantoin und Beruhigungsmitteln Mißbildungen noch häufiger auftreten als bei alleiniger Diphenylhydantoin-Medikation. Die Herausgeber betonen außerdem, daß es Hinweise für einen negativen Einfluß des Antiepileptikums auf das körperliche Wachstum und die geistige Entwicklung bei manchen Kindern von Epileptikerinnen gibt, die das Medikament während der Schwangerschaft verschrieben bekamen. Carl Defner