Trintignant am Steuer, Regen, der Scheibenwischer, der nächtliche Bahnhof, der Zug; da kommt Anouk Aimée, erkennt ihn, zögert, sie liegen sich in den Armen, die Kamera torkelt im Glücksrausch immer um das Paar, der berühmte Ohrwurm von Francis Lai kriecht ins Gemüt, Abteilung Rührung. „Françoise Fabian ... Lino Ventura... Regie Claude Lelouch“: Pfiffe, Johlen.

Mit dem Verwirrspiel und einem ironischen Selbstzitat und auch mit dem unverkennbaren Wunsch, sein altes Image loszuwerden, beginnt Lelouch seinen vierzehnten Film: In einem Gefängnis wird der schon legendäre Kunstgewerbe-Seufzer „Ein Mann und eine Frau“ vorgeführt. Was das für ein Film sei? „So ’ne Liebesschnulze“, meint ein Gefangener abfällig.

„Ein Mann und eine Frau“, vielprämiert, war der Durchbruch dieses Regisseurs zu weltweitem Ruhm, und zugleich mit diesem Film hat ihm die Kritik das Schild „Edelschnulze“ umgehängt und ihn in die Ecke gestellt. Die folgenden Filme oder doch vieles in ihnen bestätigen das Urteil, das Lelouch selber nie gestört hat. Perfekter Kameramann, clever im Geschäftlichen, Sport- und Sportfilm-Fanatiker, Inhaber einer eigenen Firma („Les Films 13“), die seine Filme produziert, andere koproduziert und verleiht, Begründer einer privaten Filmhochschule in Paris, stürmisch begeistert von allem, was mit dem Filmgewerbe zu tun hat: dieser Lelouch sagt nun, er habe seinen „ersten wirklichen Film, meine private Diplomarbeit“ vorgelegt.

„Ein glückliches Jahr“ ist voll so komischer Überraschungen wie der Anfang; eine komplizierte Chronologie und eine raffiniert ausgetüftelte Erzählstruktur führen durch ein spannendes, amüsantes Geflecht von Einfällen, Pointen, Be-Zügen und Episoden, durch eine schön verrückte Geschichte, die eigentlich aus dreien besteht, drei Lelouch-Themen: einer Liebes-, einer Freundschaftsgeschichte und dem großen Coup. Eine Art Konzentrat oder Resümee also.

Lino Ventura bereitet mit seinem Kompagnon Charles Gérard einen Einbruch bei einem Juwelier an der Croisette in Cannes vor und verliebt sich in Françoise Fabian, die neben dem Juwelier ein Antiquariat hat. Der Coup gelingt, aber Lino wird geschnappt und sitzt sechs Jahre; er kehrt zu Françoise zurück, die ihm einigermaßen treu geblieben ist.

Lelouch widmet sich den drei Themen dieser Geschichte mit geschmackvoller Akkuratesse. Alles stimmt: das timing, die Beleuchtung, die Psychologie der Figuren, die Atmosphäre, die Dosierung der Stimmungsvaleurs, die routinierte Dramaturgie des „Mach dir ein paar schöne Stunden...“. Gepflegte Unterhaltung. Dahinter steht das gesunde Selbstvertrauen einer trotz staatlicher Zensur vergleichsweise soliden Filmindustrie, die unzählige ähnlicher Filme produziert hat von Regisseuren wie Deray, Giovanni, Demy, Sautet, Clément, de Broca, Enrico, Verneuil, Granier-Deferre, Lautner, Audiard, Molinaro, Robert und so weiter.

Lelouch beherrscht die Technik dieses Publikums- und Gebrauchs- und Unterhaltungskinos so sicher, daß er es sich leisten kann, mit dessen Versatzstücken zu spielen. Da sitzt etwa in der Silvesternacht Lino Ventura deprimiert in seinem Hotelzimmer, hört im Fernsehen den Titelsong „Une Bonne Armee“, fährt in ein Transvestitenlokal, der Song geht weiter, man sieht eine Dame, die ein Herr ist, den Song singen, dann geht er/sie auf Mireille Mathieu zu, die unter den Zuschauern sitzt, deren Aufnahme man gehört und die er/sie nur imitiert hatte. Oder Lino denkt sich ein halsbrecherisches Spiel aus, an Françoise Fabian ranzukommen, ergattert ein wertvolles kleines Tischchen, dreht es der Antiquarin an, kauft es in einer Verkleidung zurück, sie feiert den gelungenen Weiterverkauf, bei dem sie ihn natürlich ein wenig betuppt hat, mit einer Einladung des Käufers zum Essen, bei dem sich herausstellt, daß er sie noch übertrumpft hat.