Von Carl-Christian Kaiser

Bonn

Die vielberufene „Jahrhundertaufgabe“ auszuführen, wird wahrscheinlich mehr als ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen. Schon 1970 hatte sich ein Expertencolloquium darüber in Harnisch geredet, wie denn Bonn auch architektonisch zur politischen Kapitale erhoben werden könnte. Zwei Jahre später gab es einen Ideenwettbewerb mit dem Titel „Bauten des Bundes und ihre Integration in die Stadt Bonn“. In den letzten Wochen schließlich hat sich ein Preisgericht aus Parlamentariern, Regierungsvertretern, Kommunalpolitikern und Architekten mit den Ergebnissen eines Wettbewerbs beschäftigt, der den Neubauten für Bundestag und Bundesrat sowie für einige Ministerien galt. Nach allgemeinem Wunsch sollen sie bis 1979 stehen. Aber bei dem Wunsch wird es vorerst bleiben. Denn die 25 mit dem bisher größten und auch teuersten Bauwettbewerb der Bundesrepublik befaßten Preisrichter haben sich noch nicht endgültig entschieden, sondern von den 36 eingereichten Modellen vier Entwürfe in einen „1. Rang“ eingestuft. Diese vier Entwürfe sollen nun von ihren Vätern im ständigen Kontakt mit Abgesandten des Bundes und der Stadt – und auch im Dialog mit der Bevölkerung – weiterentwickelt werden. Darüber wird vermutlich das nächste Jahr hingehen.

Die Verzögerung schadet nicht. Denn die Laien und Fachleute im Preisgericht haben, als sie in der vergangenen Woche ihre vorläufige Nicht-Entscheidung verkündeten, mit sympathischer Offenheit eingeräumt, daß ihnen erst bei ihren tage- und nächtelangen Beratungen die ganze Schwierigkeit des Vorhabens bewußt geworden sei. Trotz der vielen Debatten in den Jahren zuvor blieb die Kernfrage unverändert, wie sich ein parlamentarisches Regierungssystem architektonisch darzustellen habe.

So meinte Bundestagspräsidentin Renger, Mitglied des Preisgerichts, jene Selbstdarstellung müsse „unprätentiös und ohne Pathos“ sein, aber auch die Demokratie symbolisieren; die Architektur müsse einerseits den Bürgern zugewandt sein, das Parlament dürfe andererseits keinem „riesigen Aquarium“ gleichen, sondern müsse auch Möglichkeiten zur Klausur bieten.

Zu dieser Grundaufgabe, die an die Quadratur des Kreises erinnert, gesellt sich eine Vielzahl technischer und funktionaler Bedingungen: von den Verkehrswegen über die Versorgungseinrichtungen bis zur Zuordnung etwa von Plenarsaal, Fraktions- und Abgeordnetenbüros. Und schließlich, aber nicht zuletzt, soll auch jener Teil der Rheinaue südlich des jetzigen Abgeordnetenhochhauses, der als Baugelände zur Verfügung steht, nicht einfach vollgestellt werden.

Ein Teil der Bewerber hat eben dies getan und in die sanft geschwungene Rheinlandschaft entweder eine Megalopolis im Westentaschenformat oder endlose Verwaltungsfluchten gesetzt. Die erschrockenen Preisrichter haben darauf mit der Beschränkung des weiteren Wettbewerbs auf den Bundestag und Bundesrat sowie einige kleinere Gebäude reagiert; über den Platz der Ministeriumsneubauten soll noch einmal gesprochen werden. Das gefürchtete „Manhattan am Rhein“ zeichnete sich zu deutlich ab.