Von Erich Frister

Solange sie die Semester in der Kneipe und auf dem Fechtboden verbrachten, patriotische Lieder sangen und der Obrigkeit treu zu dienen versprachen, durften Studenten studieren, solange sie wollten. Seit sie politische Versammlungen besuchen und politische Zirkel gründen, seit sie Arbeiterlieder bevorzugen und das Handeln der Obrigkeit aufsässig in Frage stellen, sollen Studenten straffen Regeln der Effizienz unterworfen werden.

Solange die Ordinarien ehrerbietigen Schweigens in der schon zum zwanzigstenmal gehaltenen Vorlesung sicher waren und das Vorrecht der Lehrstuhlinhaber unbestritten galt, in eigener Herrlichkeit Inhalt und Verfahren der Lehre zu bestimmen, kümmerte es sie nicht, ob und wie lange Studenten studierten. Seit Professoren nicht mehr nur vorlesen, sondern auch diskutieren sollen, seit Studenten beim Was und Wie der Lehre mitreden wollen, hat auch der (Professoren-) Bund Freiheit der Wissenschaft das Disziplinierungsmittel der Studienzeitbeschränkung entdeckt.

Ich bin weit davon entfernt, studentisches Faulenzen mit dem Hinweis zu verteidigen, dies sei schließlich schon immer so gewesen. Mir liegt aber daran, das Vordergründige und Oberflächliche an der Argumentation der Befürworter einer Studienzeitbeschränkung bloßzulegen. Zweifellos sind Maßnahmen zur Verringerung unsinnig langer Studienzeiten erforderlich, aber es muß sich um Maßnahmen handeln, die die Ursachen beseitigen.

Zunächst einmal ist es erforderlich, den Befund sorgfältig zu erheben. Schon daran mangelt es. Es existiert keine bundesweite, nach Studienfächern aufgegliederte Statistik. Die vom Bundesminister für Bildung und Wissenschaft und anderen verwendeten Zahlen sind nicht nachprüfbar, weil weder die Quellen noch die Erhebungsmethoden offenliegen.

Die jüngste Erklärung des Ministers beruht auf einer „Fortschreibung auf Grund der erkennbaren Tendenzen“. Selbst wenn man die Aussage Klaus von Dohnanyis akzeptiert, die durchschnittliche Studienzeit an den wissenschaftlichen Hochschulen habe sich von 5,7 Jahren im Jahr 1970 auf 6,3 Jahre im Jahr 1972 erhöht, ist damit noch lange keine Grundlage für eine pauschale Beschränkung der Studienzeit gegeben. Dazu bedürfte es der Aufgliederung der Statistik nach Studienfächern, Hochschulen, Studienwechslern, Abbrechern, wirtschaftlicher Lage oder Sozialschicht. Außerdem muß die Streuungsbreite der Werte dargestellt werden, aus der der Durchschnitt errechnet worden ist.

Für eine solche untersuchende Statistik fehlt es bisher an Grundlagen. Heute wird beispielsweise ein Doktorand, der längst im Berufsleben steht, aber wegen der Bibliotheksbenutzung und vielleicht auch billiger Theaterkarten wegen noch im 26. Semester die Gültigkeit seines Studentenausweises verlängern läßt, mit in die Berechnung einer durchschnittlichen Studienzeit eingebracht. Solange es an einer aufgegliederten, sachgerechten Statistik fehlt und über die Gründe, die zu langen Studienzeiten führen, keine bundesweiten Untersuchungen, sondern nur Mutmaßungen und Vorurteile zur Verfügung stehen, wirkt die Diskussion um eine Studienzeitbeschränkung wie Maßnahmen gegen Hochwasser, die sich am Jahresdurchschnitt eines Pegelstandes orientieren. des dritten oder gar in das vierte Lebensjahrzehnt hinein zu verschieben. Bundesminister von Dohnanyi trifft durchaus den Nagel auf den Kopf, wenn er zu seinem Hochschulrahmengesetz erläutert: „Ich gehe davon aus, daß kein Student an langen Studiendauern um ihrer selbst willen ein Interesse hat.“