Von Diether Stolze

Noch herrscht Stille nur am Sonntag. Doch schon stellt sich in Direktionszimmern und an Stammtischen, bei Konjunkturexperten und Politikern die Frage: Wie lange können die Räder unserer Wirtschaft noch auf vollen Touren laufen? Das Sonntagsfahrverbot wurde relativ gelassen hingenommen, aber Kurzarbeit, Gastarbeiterstopp und Börsenbaisse lassen die Deutschen fürchten, daß als Folge des Energiemangels der Abstieg in die Rezession begonnen hat.

Unbestreitbar: Wir befinden uns in der Talfahrt. Wie lange sie dauern und wo sie enden wird, vermag jedoch heute niemand zu sagen. Die vorliegenden Informationen über die Energieversorgung sind zu lückenhaft und zu widersprüchlich, als daß sie sich zu einer begründeten Prognose summieren ließen. Noch nicht einmal die wichtigste Frage läßt sich beantworten: Auch nach dem Gipfel von Algier bleibt unklar, ob und in welchem Ausmaß die Araber ihren Boykott durchhalten werden.

So ist zu dieser Stunde nur so viel gewiß: Für lange Zeit, zumindest für den Rest dieses Jahrzehnts, wird Energie knapp und deshalb vergleichsweise teuer sein. Wir werden nicht frieren müssen, nicht hungern, unsere Autos werden weiter rollen (wenngleich vielleicht mit drastischen Einschränkungen), der Zusammenbruch der Wirtschaft in der westlichen Welt wird auch diesmal nicht stattfinden – aber ernste Krisen sind nicht auszuschließen. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob die Araber ihre Förderung noch um einige Prozent mehr drosseln oder nicht. Der Ölboykott ist, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt, „eine Waffe, die Wirkung schon erzeugt durch die bloße Vorstellung der Wirkung, die sie erzeugen könnte“.

Die Angst ist zuerst da, der Mangel folgt später. Eigentlich hätte die Angst jedoch schon viel früher kommen müssen. Seit Jahren konnte man in Gutachten wieder und wieder lesen, daß die Industriestaaten eine Energielücke zu erwarten haben. Auch war vorauszusehen, daß die Araber irgendwann einmal den Versuch machen würden, den zunehmenden Ölmangel auszunutzen, um höhere Preise und mehr zu erpressen. Dennoch hat der Boykott, so scheint es, alle Beteiligten unvorbereitet getroffen. Am größten freilich war die Verwirrung in Bonn.

Für die deutsche Politik stellten sich zwei Alternativen. Entweder mußte man die Krise „herunterspielen“ im Vertrauen darauf, daß die Araber nicht sehr lange Solidarität üben würden und wir bis zum Ende des Boykotts durch Preiszugeständnisse auf dem Weltmarkt genug Erdöl würden kaufen können. Hans Friderichs hat diesen Kurs konsequent durchgehalten, um Hamsterkäufe und Schockreaktionen bei der Industrie zu verhindern. Der Wirtschaftsminister hat deshalb auch lange gezögert, das Energienotstandsgesetz vorzulegen.

Der andere Weg wäre gewesen: Hart und entschlossen auf „Notstand“ umzuschalten. Das hätte eine frühzeitige Rede des Kanzlers erfordert, wenn schon nicht mit dem Ruf nach „Blut“, so doch mit dem nach „Schweiß und Tränen“, und eine unverzügliche Verabschiedung entsprechender Gesetze. Willy Brandt aber mochte, wie so oft, nicht vom Olymp herunter. Er ließ Friderichs handeln, Helmut Schmidt opponieren und die Koalition in Verwirrung treiben. Fast zum Schluß, als schon alles entschieden war, raffte sich der Kanzler zu einer Fernsehansprache auf, die in dem Satz gipfelte: „Größere Opfer werden nicht verlangt, jedenfalls jetzt nicht im Augenblick.“ So kommt die Wahrheit auf Stottern.