Ein Unbekannter forderte von der Bundesregierung 21 Millionen Mark. Andernfalls werde er fast allen, die in Spitzenpositionen in der Bundesrepublik sitzen, Briefe schicken, in denen lebensgefährliche Mikroben enthalten seien.

Der Täter ist natürlich insofern im Irrtum, als kein Minister seine Briefe selber öffnet und daß er gewiefte Vorzimmerkräfte hat. Die erkennen alles verdächtig Ungewöhnliche sofort und übergeben den ungeöffneten Umschlag prompt den Sicherheitsbehörden.

So eine Erpressung hat derzeit kaum eine Chance. Dennoch gibt es einen Tätertyp, der es immer wieder versucht, auf scheinbar leichte Weise Geld zu verdienen, indem er sich langfristig ein Wissen honorieren läßt, das Freunde, Frauen, Gespielinnen oder Geschäftspartner nicht wissen dürfen. Er wird für das Schweigen bezahlt, weil sein Geldgeber genug Geld hat und keinen Ärger haben möchte.

Aber das sind, wie jeder Kripo-Mann, der einschlägig beschäftigt ist, bestätigen kann, Dunkelfälle. Erpressung wird nur als Tatbestand offenkundig, wenn der Erpreßte bereit ist, seiner Umgebung gegenüber zu sagen, daß er in eine Klemme geraten ist. Das freilich fällt in den meisten Fällen schwer; wer sich selber vom Strafgesetz bedroht fühlt, geht ungern ins Polizeipräsidium.

Die Fälle allerdings, in denen Ergebnisse aus der Sicht der Polizei positiv ausfielen, sind nicht sehr selten. Vor allem sind Menschenraub und Kidnapping in den meisten Fällen aufgeklärt worden, weil die Täter sich immer bei der Lösegeldübernahme eine Blöße geben müssen. Der Mann allerdings, der jetzt den Regierungspräsidenten von Münster, Egbert Möcklinghoff, 49, Jurist, seit dem 28. Februar im Amt, mit der Drohung um eine Million Mark zu erpressen versucht, er werde Autobahnen durch ölspuren unbefahrbar machen oder auch Bomben auf Autos werfen, dürfte eine Ausnahme bilden.

Seine Methoden sind zumindest ungewöhnlich. Er verständigte sich mit seinen Opfern durch ein Inserat in der Bild-Zeitung und erhielt die Antwort durch einen Code-Text im Vorspann des stern-Romans „Die Camerons“. Was Rückschlüsse auf die Arglosigkeit von Anzeigenabteilungen und Romanredaktionen zuläßt, aber auch auf die Raffinesse des Täters, der sich des modernen „toten Briefkastens“ bedient statt des vom Specht gehackten Loches im Hinterwaldbaum. Zudem: Er will das Geld nicht persönlich empfangen; er will es,, verteilt auf fünf Raten zu je 200 000 Mark, gleichzeitig auf fünf Konten bei verschiedenen Geldinstituten. Für ihn natürlich eine Art russisches Roulett. Wo, wenn tatsächlich gezahlt wird, fängt er an zu kassieren? Schon in der ersten Bank kann die Falle stehen. Mit Handschellen.

Doch die Kidnapping-Welle rollt, trotz der historisch erwiesenen Mißerfolgsquote für die Täter. Im meistdiskutierten Fall Lindbergh wurde das Kind getötet, die Mörder gingen leer aus, wurden gefaßt und verurteilt. Ähnlich im Fall Peugeot, wo zwar das Kind am Leben blieb, aber die Entführer verurteilt wurden.