Zum erstenmal seit der Teilung Irlands vor 53 Jahren einigten sich nordirische Protestanten und Katholiken in der Nacht zum Donnerstag voriger Woche auf eine gemeinsame Regierung, 20 Monate, nachdem London die protestantische Regierung in Ulster suspendiert und die Provinz wegen der blutigen Unruhen unter direkte britische Herrschaft gestellt hatte, konnte Nordirlandminister Whitelaw dem Unterhaus eine konfessionell gemischte Kabinettsliste vorlegen. So schreibt es das im Juli erlassene Verfassungsgesetz vor. Die Realisierung dieser Gesetzesabsicht wird als diplomatische Meisterleistung Whitelaws angesehen.

Nur noch sechs von elf Mitgliedern der neuen nordirischen Exekutive gehören der protestantischen Unionisten-Partei an, darunter Brian Faulkner als Regierungschef. Faulkner war bis zum 24. März 1972 Ministerpräsident der letzten nordirischen Regierung und hatte in der vergangenen Woche im eigenen Lager nur eine knappe Mehrheit für seinen Kurs einer protestantisch-katholischen Gemeinschaftsregierung gewinnen können.

Vier Mitglieder der Exekutive gehören der katholischen Sozialdemokratischen und Labour-Partei (SDLP) an und ein Minister der überkonfessionellen Allianz-Partei. Die Unionisten erhielten die Ressorts Finanzen, Erziehung, Landwirtschaft, Umweltschutz und Information, die SDLP übernahm die Sachgebiete Wirtschaft, Soziales, Wohnungsbau, Lokalbehörden/Planung. Der Vertreter der Allianz-Partei soll für die Justizreform zuständig sein. Weitere vier Regierungsmitglieder haben kein Portefeuille.

Zum kunstvollen Kompromiß gehört, daß die Protestanten im Kabinett in einer 7:8-Minderheit sind, sobald man die vier ressortlosen und nicht stimmberechtigten Kabinettsmitglieder zu den elf Fachministern hinzuzählt.

Von den Extremisten beider Konfessionen hat bereits die katholische IRA angedroht, sie werde „die neue Exekutive ebenso zerstören, wie sie das alte Stormont-Parlament zerstörte“. Die Einigung von Belfast sei ein „britisches Produkt“. Der IRA gehe es darum, die britische Präsenz in Nordirland gänzlich zu beseitigen.

Zur Erhärtung dieser Drohworte unternahm die Terrororganisation einen Feuerüberfall auf das Haus des katholischen Poltikers Austin Currie, den designierten Wohnungsbauminister. Currie war gerade abwesend. In Nordirland starb am Wochenende der 200. britische Soldat durch einen Terroranschlag.