Die beliebteste Droge ist der Alkohol – aber für die Süchtigen fehlt es an Heilstätten

Von Ernst Klee

Das Mietshaus in der Arme-Leute-Siedlung: Da sitzt, aufgedunsen und ein Häufchen Elend, ein etwa 35jähriger Hilfsarbeiter. "Er hat nur eine leichte Grippe", beschwichtigt der Vater und fingert nervös am Hosenträger. Beide, Vater und Sohn, empfangen mich mit Mißtrauen, vermuten einen Sozialarbeiter in mir. Der Vater kehrt den Teppichersatz herum, den man zur Schonung umgeschlagen hat. Das Mißtrauen bleibt. Die Familie leidet darunter, daß der Sohn ein "Säufer" ist. Der Makel haftet, gerade erst ist der 35jährige aus der Psychiatrischen Landesklinik entlassen worden und nun arbeitslos (da sagt man lieber "grippekrank"). Zum drittenmal ist er zur Entziehung weggewesen. Wie lange die Kur anhält, wann sich wieder eine Arbeitsstelle anbietet – niemand kann es sagen.

Langsam kommen wir ins Gespräch. Mit siebzehn hat der Sohn das Trinken angefangen. Als Grubenarbeiter verdrückten sie immer eine Flasche Korn, den Staub wegzuspülen. Das klingt auch plausibel. Doch dazwischen geht die Korridortür auf, die Mutter kommt. Eine strenge, ausgezehrte Frau ("Die Ehe ist eine Dornenkrone") tritt herein, legt Groschenromane auf den Tisch. Vater und Sohn ("Ich mag doch keine Zukunftsromane") ducken sich, machen einen krummen Rücken. Gleich setzen die Vorwürfe der Mutter ein, Aggressionen brechen auf, brutal, gnadenlos, weil keiner aus dem sozialen und psychischen Konfliktfeld ausbrechen kann. Der nächste Griff zur Flasche ist abzusehen. Wie anders, als durch die Droge Alkohol, sollte der alkoholgefährdete ehemalige Grubenarbeiter Konflikte lösen, die Spannungen mindern können?

Milieuwechsel: Das Zimmer in einem norddeutschen Pfarrhaus: Man hat Gäste, trinkt auch einen. Doch die Pfarrfrau genehmigt sich zwischendurch ein paar Schnäpse mehr, verstohlen, damit es keiner merkt. Die Ehe, nach außen hin so glücklich und intakt, wie sich das gehört, ist zerbrochen. Die Frau des Pfarrers hat ihre Rolle nicht gefunden. Während er angebetet wird, blieb ihr die Funktion des Kinderaufziehens und der gesellschaftlichen Repräsentation. Daß sie eine Alkoholikerin ist, würde sie nie zugeben. So wird sie weitertrinken, bis irgendwann, für die Umgebung völlig überraschend, der große Eklat da ist.

Ähnliches spielt sich auch bei dem Herrn Landgerichtspräsidenten ab: Nach außen hin erscheint alles als intakt. In seinem Beruf gilt er als tüchtig. Doch in der Wohnung hat er sich an verschiedenen Stellen Alkohol deponiert. Die Eheleute sprechen nicht darüber. Die Frau ermittelt zwar mit detektivischer Akribie die Alkoholdepots und nimmt die Flaschen weg, und er sucht zittrig und nervös morgens vor dem Dienst seine Bestände, aber vom Alkoholismus reden beide nicht. Es gehört sich nicht.

Der Alkoholismus geht quer durch alle Schichten. Er ist weltweit das größte Drogenproblem unserer Zeit. Alkohol, und nicht die Rauschgifte, ist das Suchtproblem unserer Tage. Während man in der Bundesrepublik mit 20 000 bis 60 000 Rauschgiftsüchtigen rechnet, werden offiziell 600 000 Alkoholkranke angegeben. Doch die Fachleute rechnen noch einmal 600 000 Alkoholiker hinzu, weil die Dunkelziffer so hoch liegt. Das sind zwei Prozent der Bevölkerung.