Von Fritz J. Raddatz

Eine Prosa wie der Titel von Miro-Bidern; präzis und wuchernd, dabei voll haarfeiner Detailbesessenheit und ausschweifender Phantastik: Das frühe Buch von

Louis Aragon: „Libertinage, die Ausschweifung“, Roman, aus dem Französischen von Lydia Babilas; Verlag Werner Gebühr, Stuttgart, 1973; 240 S., 22,– DM

ist ein kalligraphisches Meisterwerk, weit mehr als ein obsoletes Frühwerk, ist Quelle und Nährboden zum Raffinementspiel seiner großen Prosa bis heute.

Die Schicksale dieses bedeutenden französischen Schriftstellers in Deutschland sind ja wechsdhaft bis grotesk; mindestens vier verschiedene Verlage in der Bundesrepublik (und zwei in der DDR) legen ohne erkennbare programmatische Überlegungen mal dies, mal das vor. Trotzdem sei dem kleinen Stuttgarter Verlag Werner Gebühr Dank, daß er nach „Anicet“ nun das sich deutlich als literarische Parallele und „Weiterung“ verstehende Buch (wieder in der mustergültigen Übersetzung von Lydia Babilas) präsentiert.

Parallele und Weiterung. Aragon selber spricht in seiner „April 1964“ datierten Vorrede zu „Libertinage“ von den „Vermählungen“ seiner Bücher; und damit sind keineswegs lediglich variierte Themen und Metaphern gemeint – etwa die Passagen, die in „Anicet“ auftauchen wie im „Paysan de Paris“ oder in den „Beaux Quartiers“ („Die Viertel der Reichen“) und die Benjamins Passagenarbeiten beeinflußten – es geht um das verändernde Beibehalten von Motiven. Um Fugen, gleichsam. Der hier zum erstenmal veröffentlichte Text etwa, den Aragon noch mit dem Pseudonym Pierre Cèpe signierte und dessen Lektüre Apollinaire veranlagte, den Verfasser um eine Rezension der „Mamelles de Tirésias“ zu bitten (das wurde Aragons erster publizierter Text), diese Überlegung über die „Ästhetik des Geschmacklosen“ ist dem Buch ebenso vermählt, wie eben „Anicet“ und sein pseudo-objektiver Innenwelt-Dialog hier nun beantwortet wird: „Ich wollte hier den Mechanismus des Romanschaffens demonstrieren, ausgehend von einer der Wirklichkeit entnommenen Gegebenheit: Es ging darum, eine innere Debatte aufzuspalten und sie auf verschiedene Gestalten zu verteilen (zum ersten Male schrieb ich eine Erzählung in der ersten Person, gleichsam in Opposition zu den konventionellen Erzählungen in ‚Anicet‘, wobei diesmal der Vortragende keinen Gesprächspartner hatte).“

Es ist, um in Aragons Literaturwelt zu bleiben, der „Jacques le Fataliste“ nach „Rameaus Neffe“, also der Versuch, Erfahrungen der Außenwelt vorzuführen, Ableitungen herzustellen, Abläufe. Wir haben es mit Aragons erstem deutlichen Versuch zu tun, die Wirklichkeit als eigene kreative Kraft zu begreifen. Er ist nicht mehr nur „selbstbestimmt“, wie eines seiner berühmten Gedichte aus der Zeit sich nannte, in dem es heißt: