Von Karl-Heinz Janßen

Hünen aus dem Nordland bewachen das "Friedenszelt" bei Kilometer 101 an der Straße von Suez nach Kairo. Ihre Blondschöpfe stecken unter Blauhelmen. "Soldaten für den Frieden" – sie lösen diesen Widerspruch auf durch ihre Existenz. Sie haben keine Feinde außer Sand und Fliegen. Drinnen im Zelt sitzen ägyptische und israelische Offiziere einander gegenüber. Ihre Tische stehen so weit auseinander, daß sie sich eben noch die Hände reichen können. An einem Quertisch, flankiert von zwei Zivilisten, präsidiert mit ruhiger, unerschütterlicher Gelassenheit ein blauäugiger General Anfang der Fünfzig: der Finne Ensio Siilasvuo, Chef des Stabes der Waffenstillstands-Überwachungsorganisation der Vereinten Nationen und Kommandeur der UN-Einheiten in Ägypten. Er ist zur Zeit einer der wichtigsten Männer im Nahen Osten: Ohne ihn und seine Truppe wäre der dürftige Kompromiß, den Henry Kissinger ausgehandelt hatte, eine papierene Absichtserklärung geblieben.

Mitleidsvolle Verachtung schlug seinen Soldaten entgegen, als sie sich in den ersten Tagen des Waffenstillstandes den israelischen Posten näherten. Den Israelis sind die Sendboten der UN immer suspekt gewesen, schienen sie doch zu nichts anderem bestellt, als ihnen den Sieg über die Araber zu vermiesen. Die Völker dieser Erde aber, die seit 1948 befürchten müssen, daß sich der Konflikt um Palästina zu einem Weltkrieg ausweitet, können für die Anwesenheit der Blauhelme nur dankbar sein. Und auch die Großmächte wissen die Vorteile des Weltforums wieder zu nutzen. Generalsekretär Waldheim registrierte es mit zufriedenem Lächeln: "Zum erstenmal nach soviel Kritik – lassen Sie es mich frank und frei sagen: nach Demütigungen sogar – hat die Welt die Notwendigkeit der Vereinten Nationen wieder anerkannt."

Eine Friedensregelung im Nahen Osten ohne Mitwirkung der UN ist nicht mehr denkbar. Sogar die blaubehelmte UN-Feuerwache, die vor dem Sechstagekrieg 1967 wegen ihres plötzlichen Abzuges soviel Hohn und Spott erntete, ist wieder im Lande. An einem Dutzend Krisenpunkten schon haben die UN seit 1946 den Frieden bewahren oder wiederherstellen müssen. Ihr eigentliches Experimentierfeld, wo sie Grenzen und Möglichkeiten ihrer Friedensmission ausloten konnten, war indes immer der Nahe Osten.

Generalmajor Siilasvuo, ein würdiger Nachfolger solch bewährter UN-Kommandeure wie des Kanadiers Eedson Burns und des Norwegers Odd Bull, kam zum erstenmal 1956 mit der ersten UN-Friedenstruppe auf die Sinai-Halbinsel. Die UN-Beobachtermission, die er seit drei Jahren leitet, existiert jedoch bereits seit einem Vierteljahrhundert. Ihre Offiziere, mit nichts bewaffnet außer einem Feldstecher, taten auch während des jüngsten Krieges noch ihre Pflicht, meldeten gewissenhaft, wer mit dem Schießen angefangen hatte – diesmal waren es die Araber –, und kurvten mit ihren weißgestrichenen Jeeps hinter beiden Fronten, jederzeit bereit, zwischen den Kriegsparteien Zu vermitteln. Zwei von ihnen sind im ägyptischen Trommelfeuer am Suezkanal gefallen.

Die Beobachtermission (genau: United Nations Truce Supervision Organization, kurz: Untso) entsprang einer Improvisation im ersten Palästinakrieg. An den etwas obskuren Umständen ihrer Geburt leidet sie noch heute. Noch ehe die britischen Truppen seinerzeit das palästinensische Mandatsgebiet geräumt hatten, war auf Anordnung des Weltsicherheitsrats eine Waffenstillstandskommission eingesetzt worden, die den Ausbruch neuer Kämpfe zwischen Arabern und Juden vereiteln sollte. Eile tat not; so behalf man sich, indem die in Jerusalem ansässigen Konsuln als Kommission eingesetzt wurden: ein Belgier, ein Franzose, ein Syrer (er verzichtete wegen Befangenheit) und – unglücklicherweise – ein Amerikaner, der sich natürlich sofort das Mißtrauen der Russen zuzog. Damit sie überhaupt tätig werden konnten, mußte Graf Bernadotte, der erste UN-Vermittler im Nahen Osten, schon bald militärische Berater und Beobachter anfordern.

Die Kommission müsse rein sein wie Cäsars Weib, forderte damals der französische Vertreter. Unparteiisch versahen die mehr als 700 Offiziere ihren Dienst – neben Amerikanern, Belgiern und Franzosen auch schon Skandinavier. Nach Unterzeichnung der Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und seinen Nachbarn Ägypten, Jordanien, Syrien und Libanon wurde die Zahl der Beobachter erheblich verringert, doch waren ihr Status und ihre Aufgaben in den Abkommen nun fest umrissen. In den jeweiligen gemischten Waffenstillstandskommissionen übernahmen Offiziere der Untso den Vorsitz – nach diesem Schema verlaufen auch noch die Unterhandlungen am Kilometer 101.