So etwas ist Fiat, dem größten italienischen Autokonzern, seit einem Jahrzehnt nicht widerfahren: Unternehmensleitung und Gewerkschaften verhandeln über neue Lohntarife, ohne daß auch nur einer der 200 000 Beschäftigten streikt. Ungewöhnlich wie die Zurückhaltung der Gewerkschaften ist diesmal auch die Verhandlungsführung von Seiten der Fiat-Leitung.

Bevor sich Funktionäre mit der Geschäftsleitung an den runden Tisch setzten, hielt Umberto Agnelli, zweiter Mann in der Fiat-Hierarchie, ein Grundsatzreferat. Agnelli erklärte sich bereit, die von den Gewerkschaften geforderte Ausdehnung der Tarifverhandlungen auf grundsätzliche soziale Themen anzunehmen.

Dann legte der Fiat-Boß eine Liste vor, nach der die Produktion von Eisenbahnmaterial, Autobussen, Gabelstaplern, Autoscheinwerfern und Vergasern in die Entwicklungsgebiete Süditaliens verlagert werden sollen. Neue Arbeitsplätze im Süden war in der Vergangenheit eine der Forderungen der Gewerkschaften. Aber sie fordern noch mehr: Die Betriebstarifrunde würde bei Annahme aller ihrer Ansprüche 23 Prozent höhere Arbeitskosten bringen.

Darauf kann aber Fiat bei der gegenwärtigen kritischen Lage nicht eingehen. Auf welchem Gebiet Zugeständnisse gemacht werden könnten, zeigt der eben unterzeichnete Tarifvertrag bei der zur Fiat-Gruppe gehörenden Motorradfabrik Piaggio. Von jetzt an darf ohne vorherige Diskussion mit den Betriebsräten die Arbeitsorganisation nicht mehr geändert werden. Die Arbeitnehmer erhalten damit Mitbestimmung, ohne daß dieser Begriff genannt wird. fg