Von Theodor Eschenburg

Willy Brandt, so heißt es neuerdings, sei führungsschwach, als Kanzler der Koalition und als Chef seiner Partei. Der Vorwurf wird von allen Seiten erhoben, von der Opposition sowohl wie aus den Reihen der SPD und in der öffentlichen Meinung. Führungsschwäche, ein Ausdruck unter mehreren ähnlicher Sinnbedeutung, ist plötzlich eines der meistgebrauchten Worte aus dem Vokabular der Kritik an der Regierungs-, vor allem Kanzlerpolitik.

Auch Bismarck wurde Führungsschwäche schon seit Mitte der siebziger Jahre vorgeworfen. Damals, als es weder Telephon noch Fernschreiber gab, zog er sich wochen-, wenn nicht monatelang auf seine Güter zurück und überließ die Regierungspolitik den Ressortchefs. Aber auch im Amt zeigten sich Schwankungen in seiner Führung von höchster Intensität bis zur Indolenz. Bei seiner Vitalität kann man das nicht einfach als Alterserscheinung oder mit anhaltender oder häufig wiederkehrender Kränklichkeit erklären.

Die neun Jahre von 1862 bis 1871, ungemein reich an persönlichen Entscheidungen mit erstaunlichen Erfolgen, hatten ihm höchste Anspannung abgefordert. Bei dem hohen Einsatz hatte selbst Bismarck manchmal Angst gehabt und sie nicht verhehlt – Angst um die Existenz Preußens und vor dem Mißlingen der Reichsgründung. Hatte er jetzt Angst vor seinen Ängsten. Das ist unwahrscheinlich. Es ging ihm nicht um neue große Erfolge in der Außenpolitik, sondern um die Bewährung des Erreichten. Oder hatte er nunmehr Pausen eingelegt?

Fritz Klatt sprach 1921 in einem damals aufsehenerregenden Buch gleichen Titels von „schöpferischer Pause“. Schöpferische Pausen braucht der Mensch in kurz- oder langfristigen Rhythmen, sonst leidet er psychisch und physisch, und die Pausen schaffen sich gewaltsam Raum. Dieses Pausenbedürfnis zeigt sich auch bei Metternich nach großen diplomatischen Aktionen wie nach dem Wiener Kongreß von 1815. Für Bismarck wäre es wohl eine zu einseitige Erklärung gewesen. Nach den grundlegenden Entscheidungen bis zur Reichsgründung beanspruchten die nun anstehenden nicht mehr seine letzte Kraft. Er lebte von seiner großen Autorität. Viele Entscheidungen waren zudem nicht mehr so aufsehenerregend, daß Bismarcks eigene Führung der Öffentlichkeit bewußt wurde.

Auch den sieben Nachfolgern Bismarcks, ihm sämtlich nicht vergleichbar, ist der Vorwurf der Führungsschwäche nicht erspart geblieben. Er traf in unterschiedlichem Grade zu. Zielbewußt, wenngleich das Ziel historisch kontrovers beurteilt wird, hat der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, der spätere Reichspräsident, als Nachfolger des letzten kaiserlichen Reichskanzlers’in der Revolutionsregierung der Volksbeauftragten vom November 1918 die Revolution in die Legalität der Nationalversammlung überführt.

Das labile Parteiensystem der Weimarer Republik zwang zur Bildung wechselnder Koalition nen. Neben einem gesellschaftspolitischen Antagonismus, grob skizziert zwischen SPD und den bürgerlichen Parteien, zeigte sich ein verfassungspolitischer und ebenso ein außenpolitischer Gegensatz zwischen der Rechten und der katholischen Zentrumspartei in der Mitte, den Linksliberalen sowie der SPD. Hinzu kam ein bildungspolitischer Gegensatz zwischen Rechten und Zentrum einerseits, Liberalen und Sozialdemokraten andererseits. Die verschiedenen, einander überlagernden Fronten bewirkten häufig Regierungskrisen.