Paco, 23 Jahre alt, Elektriker, möchte lieber heute als morgen seine Zelte in Madrid abbrechen und nach Deutschland ziehen; sein Bruder ist in Düsseldorf tätig. Maria Carmen, „Raumpflegerin“, 20 Jahre alt, drei Kinder, Ehemann beim Militärdienst, hat eine Schwester in Australien; auch ihr sehnlichster Wunsch ist es, nach Australien mit Familie auszuwandern. Warum wollen so viele Spanier ihre Heimat verlassen und in einem fremden Land arbeiten?

Gewiß spielt das im Vergleich zu den anderen Staaten Europas niedrigere Lohnniveau eine wichtige Rolle. Noch arbeiten die Spanier mehr und verdienen weniger als die Deutschen, Franzosen oder Engländer. Aber auf der anderen Seite sind auch die Lebenshaltungskosten (Wohnungen, Nahrungsmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs) niedriger als im nördlichen Europa. Der starke Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre hat dazu geführt, daß 45 Prozent aller Haushalte eine Waschmaschine und einen Eisschrank, 50 Prozent einen Fernseher und knapp 20 Prozent ein Auto besitzen. Mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 1300 Dollar jährlich kann kaum noch von dem „armen“ Spanier die Rede sein, der gezwungen ist, sein Brot im Ausland zu verdienen.

Ein zweiter Grund könnte in der zunehmenden Verschlechterung des Arbeitsklimas in Spanien liegen. Der Streik als Mittel im Arbeitskampf ist zwar illegal; trotzdem häufen sich die Meldungen in spanischen Zeitungen über Arbeitsniederlegungen. Besonders betroffen ist zur Zeit Asturien, wo über tausend Arbeiter der Hüttenwerke „Hunosa“ seit einigen Wochen streiken. Aber auch in Barcelona und Umgebung befanden sich bis vor kurzem etwa 2000 Arbeiter im Streik. Streikmeldungen kamen auch aus vielen anderen Städten Spaniens.

Diese Streiks sind sicherlich ein Zeichen für die wachsende Unzufriedenheit großer Teile der Arbeitnehmerschaft: steigende Preise, die ungenügende Sicherheit am Arbeitsplatz und die mangelhaften sozialen Leistungen sind die Gründe. Aber reicht das aus, um den Abwanderungswunsch so vieler Spanier zu erklären? Außerdem darf nicht vergessen werden, daß auch in Deutschland während des letzten Sommers genügend Fälle bekannt geworden sind, in denen spanische und andere ausländische Arbeitnehmer „wilde Streiks“ inszenierten, weil sie mit den Lohn- und Wohnbedingungen unzufrieden waren.

Drittens wird behauptet, daß es für den einfachen spanischen Arbeiter schon zur Gewohnheit geworden ist, für einige Jahre ins Ausland zu gehen. In den sechziger Jahren war es für viele eine Notwendigkeit, einen Job außerhalb Spaniens zu suchen. Allein zwischen 1960 und 1968 wanderten jedes Jahr durchschnittlich mehr als hunderttausend Menschen aus der Landwirtschaft ab. Die meisten zogen entweder in die Großstädte oder in die aufstrebenden Tourismuszentren.

Nicht alle fanden nach ihrer Landflucht einen Arbeitsplatz in der Industrie oder im Fremdenverkehr. Deshalb wanderten in den Jahren 1960 bis 1965 rund 100 000 Spanier pro Jahr aus. Doch auch heute gibt es aber immer noch allen in Deutschland etwa 180 000 spanische Arbeitnehmer. Obwohl sie inzwischen in der Heimat arbeiten könnten, bleiben sie im kalten Norden.

Ist es schon schwierig, eine Erklärung für das Phänomen der spanischen Auswanderung zu finden, so ist es noch viel schwieriger, Vorteile aus dieser Entwicklung für Spanien abzuleiten. Das Argument einiger Wissenschaftler und Praktiker, die Auswanderer würden im Industriestaat als Facharbeiter ausgebildet und könnten dann in Industrialisierungsprozeß der Heimatländer eingesetzt werden, findet zumindest im Falle Spanien keine Bestätigung. Denn die Abwanderung erschwert zunächst nur die eigene Industrieansiedlung und damit die Wirtschaftsentwicklung.