Frankfurt

Albert Kalk, Leitender Kriminaldirektor in Frankfurt, wußte das Ereignis sogleich richtig einzuordnen. Kaum waren zur Fernsehzeit, am Samstagabend voriger Woche, in der Luftpostleitstelle auf dem Rhein-Main-Flughafen zwei Briefbomben explodiert, erschien Kalk bereits vor Ort, um zu verhindern, daß die Konfusion zum Schaden der polizeilichen Spurensicherer noch größer wurde. „Normalerweise gehen derartige Briefe erst hoch, wenn man sie öffnet“, wunderte sich der Kriminalist und folgerte daraus: „Das war wohl eine Panne.“

Die „Panne“ kostete dem 46jährigen Postsortierer Ewald Lotz aus dem Frankfurter Vorort Eschborn drei Finger der linken Hand und riß ihm Löcher in Unterleib und Oberschenkel. Sein Kollege Robert Simon (37) aus Frankfurt kam mit einer Bauchverletzung noch glimpflich davon.

Lotz hatte die Minibombe „gezündet“, als er für das Ausland bestimmte Briefe in die Länderfächer einsortieren wollte. In dem Chaos aus zerbrochenen Scheiben, zersplitterten Neonröhren und Brieffetzen fanden sich die beiden Zünder der Briefbomben. Aufschluß über den wahrscheinlichen Bestimmungsort der brisanten Luftfracht lieferte die Entdeckung sechs weiterer Sprengstoffbriefe, die von Spezialisten entschärft wurden. Die Briefe waren allesamt am Freitag vergangener Woche in Frankfurt zur Post gegeben und wahrscheinlich von einer Hand beschriftet worden: an prominente Israelis aus Politik und Wirtschaft.

Für die Polizei steht deshalb fest, daß auch die beiden anderen Briefe erst in Israel explodieren sollten. Der Knall auf Rhein-Main löste Hektik aus. Mehr emotional begründet verlautete schon bald aus dem Frankfurter Polizeipräsidium, dies sei wohl die Handschrift arabischer Guerilla-Organisationen. Spezialisten des Bundes- und des Landeskriminalamtes analysierten eilends die im Prinzip identischen Zündmechanismen der sechs Briefe. Es handelte sich jeweils um 70-Gramm-Briefe, nur fünf Millimeter dick und mit Pappscheiben gefüllt, zwischen die Sprengstoff gepreßt war. Der Entlastungszünder reagiert im Normalfall erst beim öffnen des Briefes. „Beim Transport in den Postsäcken muß sich in den explodierten Briefen irgend etwas verschoben haben“, erklärte Polizeisprecher Hans Neitzel das Unglück.

Neitzel erinnerte an den November 1972, als im Briefkasten der „Zionistischen Jugend in Deutschland“ ein Luftpostbrief aus Singapore gefunden wurde, der dem Jugendleiter verdächtig vorkam. Nachdem die Frankfurter Polizei den Brief geöffnet hatte, kam ein Zettel mit der Aufschrift „Schwarzer September“ zutage. Als Absender auf dem Umschlag firmierte ein gewisser W. B. A. Zimmermann.

Die vergleichbaren Angaben sind diesmal weit mysteriöser. Ein herkömmlicher Absender fehlt ganz; statt dessen sind die Briefe mit Nummern gekennzeichnet. Frankfurts Kriminalisten sind froh, wenigstens diesen Hinweis zu haben.