• Ihre Aktionsgemeinschaft ist von sechs Verbänden gegründet worden. Wie viele sollen es denn werden?

Angermann: Wir stehen mit etwa 80 weiteren Verbänden in bereits sehr weit gediehenen Verhandlungen. Ich glaube, das ist wenige Tage nach der Gründung ein ganz beachtlicher Erfolg.

  • Sie wollen eine Art Superverband werden, wie etwa der BDI gegenüber den einzelnen Industriegruppen oder der DGB gegenüber den Gewerkschaften. Was wollen Sie damit erreichen?

Angermann: Was wir möchten, ist eigentlich ganz simpel: der Öffentlichkeit deutlich zu machen, daß es in unserer Gesellschaft nicht zwei, sondern drei Gruppen gibt, nämlich außer den Arbeitnehmern und der Großindustrie auch die breite Schicht des wirtschaftlichen Mittelstandes. Dazu zählen etwa 4,5 Millionen Selbständige, das sind also mit Familienangehörigen etwa 12 Millionen Menschen, zu denen man sicher auch die leitenden Angestellten rechnen muß, so daß sich die Zahl noch vergrößert. Wir möchten an den gesellschaftspolitischen Beschlüssen mitwirken, die heute gefaßt werden und die ja gerade den Mittelstand, der nicht gefragt wird, im wesentlichen betreffen.

  • Was ist nun das stärkere Motiv Ihrer Arbeit: Angst vor radikalen politischen Parolen, wie man sie gerade im mittelständischen Bereich oft beobachten kann, oder die Absicht, sich gegenüber der Industrie durch eine eigene Interessenvertretung besser abzugrenzen?

Angermann: Beides belegt uns. Wir möchten uns gegenüber den Großunternehmen sehr klar abgrenzen, denn natürlich droht dem Mittelstand von daher Gefahr. Uns droht aber eine mindestens genauso große Gefahr von der anderen Seite. Das, was heute diskutiert wird, zum Beispiel im Bereich, der Vermögensbildung, könnte für mittelständische Firmen im Gegensatz zu den Firmen der Großindustrie tödlich wirken. Wenn man die Zwangsabgabe von Firmenanteilen durchsetzt, werden Unternehmen der Großindustrie etwa durch Ausgabe junger Aktien eine gewisse Relation zwischen dem entstehenden Fondsanteil und dem eigenen Kapital erhalten können, mittelständische Unternehmen würden jedoch nach und nach enteignet.

  • Sie sind Sozialdemokrat. Richten sich Ihre Besorgnisse gegen Ihre eigene Partei? Angermann: Das kann ich nicht sagen. Meine Besorgnisse richten sich in dieser Beziehung gegen Gruppen in verschiedenen Parteien. Ich räume gern ein, daß gewisse Pläne aus reinem Idealismus vorgetragen werden. Aber ich bin dafür, daß man sich auch ihre Folgen für die Wirtschaft, auch für die Arbeitgeber überlegt, von ihnen werden schließlich auch die Arbeitnehmer betroffen.
  • Bisher haben es nur wenige mittelständische Berufsorganisationen vermocht, eine wirksame Lobby zu werden. Trauen Sie das Ihrer Organisation zu?

Angermann: Ich betrachte das ganze als einen notwendigen Versuch, von dem wir erst nach Ablauf einer gewissen Zeit wissen, ob er gelingt. Wenn er nicht gelingt, dann hat der Mittelstand nach meiner Überzeugung selbst gezeigt, daß er zu heterogen ist, um sich in den großen Auseinandersetzungen gesellschaftspolitisch selbst darzustellen und damit auch zu behaupten. pl