Von Theo Löbsack

Veränderungen der Erbsubstanz vor allem durch Pflanzenschutzmittel fanden Freiburger Biologen bei Routineuntersuchungen, die in ihrem Institut seit 1969 ausgeführt werden. Zum erstenmal veröffentlichten die Wissenschaftler jetzt eine Liste mit 14 dingfest gemachten Stoffen, die künftig als erbbiologisch bedenklich gelten müssen.

Ungeduldig hatte der Bundesbürger auf Forschungsergebnisse des Freiburger „Zentrallaboratoriums für Mutagenitätsprüfung“ gewartet, das vor vier Jahren mit Hilfe des Stifterverbandes von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ins Leben gerufen worden war. Bei der Institutsgründung war die Veröffentlichung einer „Skala der Gefährlichkeitsgrade mutagener Substanzen“ angekündigt worden – den interessierten Bürgern zur Information und der Industrie die solche Stoffe herstellt, zur Beherzigung.

Aus mancherlei Gründen, die noch Diskussionsstoff versprechen, hatte die „Kommission für Mutagenitätsfragen“ der DFG die ursprüngliche Aufgabe des Instituts beschränkt: Statt, wie zunächst geplant, Umweltchemikalien auf ihre erbändernde Wirkung zu testen, werden in Freiburg künftig mehr methodologische Forschungen betrieben und deren Ergebnisse „weitergegeben“. Laut Tätigkeitsbericht 1972/73 der DFG sind dazu Trainingskurse für Interessenten vornehmlich der Industrie sowie Symposien geplant.

Diese Entwicklung der Dinge hatte auf meinen Artikel in der ZEIT (Nr. 22/1973) hin Anlaß zu mehreren Anfragen im deutschen Bundestag gegeben. Der Abgeordnete Dr. Schmitt-Vockenhausen wollte wissen, ob die Regierung die Bekanntgabe einer Liste erbbiologisch verdächtiger Stoffe erwäge. Staatssekretär Westphal antwortete, dies erwäge sie nicht. Der Abgeordnete Dr. Gruhl erkundigte sich in einer Fragestunde bei Frau Bundesminister Dr. Focke, wie es zu erklären sei, daß Herr Löbsack von dem Freiburger Institut die Auskunft erhalten habe, die Freiburger lich dort begonnenen Mutagenitätsprüfungen führe jetzt die Industrie durch. Frau Focke erklärte, sie könne die Frage im Augenblick nicht beantworten, wolle der Sache jedoch gern nachgehen (Protokoll vom 3. Oktober 1973, Seite 2978).

In der Tat war im Mai dieses Jahres von einem Angehörigen des wissenschaftlichen Personals dieses Zentrallaboratoriums zu erfahren, daß dort im wesentlichen nur noch Grundlagenforschung betrieben würde, deren Ergebnisse dann der Industrie zur Verfügung gestellt werden. Die eigentlichen Mutagenitätsprüfungen mache die Industrie.

Immerhin hat die „Kommission für Mutagenitätsfragen“ der DFG auf ihrer Tagung vom 24. Juli 1973 vorgeschlagen, künftig alljährlich etwa zwanzig bis fünfzig Substanzen in Freiburg prüfen zu lassen und das Ergebnis einmal im Jahr als „graue Liste“ zu veröffentlichen. Die Bezeichnung „graue Liste“ soll dem Umstand gerecht werden, daß aus verschiedenen Gründen keine eindeutigen Urteilssprüche über bestimmte Chemikalien zu fällen sind. Darum sollen diese Substanzen in Abänderung der ursprünglichen Absicht künftig auch nicht mehr als „gefährlich“ gelten, sondern nur noch als „genetisch nicht unbedenklich“ bezeichnet werden.