ZDF, Montag, 26. November: „Tagesausflug – Bauern zum Besuch am Fließband“

Was weiß der Redakteur von den Sorgen eines Unteroffiziers? Was weiß ein Student von einem Kumpel? Eine Bäuerin von ihrer Altersgenossin am Fließband? Welche Rollenerwartung wird da gehegt; wie nimmt sich die Realität im Verhältnis zur Vorstellung aus, und welche Folgen hat die fremde Erfahrung für das Leben der Betroffenen: Erweiterung der Perspektive durch das Kontrasterlebnis oder doppelte Abkapselung? Diesen Fragen geht das ZDF zur Zeit in einer Sendereihe nach, die, wenn künftige Folgen so gut geraten wie die Dokumentation einer Begegnung zwischen Opel-Arbeitern (Werk Bochum) und münsterländischen Bauern, eine besondere Ehrung verdient.

Die Grundidee ist ebenso einfach wie überzeugend: Eine Gruppe von Menschen gleichen Berufs begibt sich für die Dauer eines Tages zu einer anderen Gruppe, die ebenfalls aus Berufsgenossen besteht – hier die Bauern, dort die Arbeiter. Eine reizvolle Idee, in der Tat – eine Idee aber auch, die sehr schwer zu realisieren ist. Pittoreske Milieustudien jedenfalls würden die Dokumentation in gleicher Weise gefährden wie „künstlerisches“ Umschreiben (indem man zum Beispiel durch perspektivische Verzerrungen in der Montagehalle die Betroffenheit der Besucher verdeutlicht und mit Hilfe von optischen Entsprechungen das Gefühl der Bedrohung bildlich darzustellen versucht).

Nun, Florian Höner, der für das Konzept verantwortliche Redakteur, verzichtete gottlob auf alle Mätzchen. Der Aufbau war streng, die Disposition exakt, das Ganze bis ins Detail hineinüberzeugend. Am Anfang, in einem knappen Prolog: bäuerliche Bilder, Felder und Höfe; aber keine Stimmungsmalerei – im Gegenteil, hier sollte ebenso zart wie knapp die Erfahrungswelt von Menschen beschrieben werden, die dabei waren, in einen Gegenbezirk einzutauchen – wie sie leben und was sie sich versprachen von dem-Besuch. (Der Kommentar karg, erhellend und erfreulich realistisch. Kein Drumherumreden, sondern eine gescheite ökonomische Skizze.)

Dann der Übergang zum Hauptteil, die Bauern gehen durchs Werk, und der Hauptteil selbst: Hammer und Sichel begegnen einander, die vom Lande befragen die Städter, die Arbeiter antworten... beide tun es auf hohem Niveau, konkret und zupackend. Die Worte plastisch, die Ausdrucksweise, hier wie dort, von Präzision und Anschaulichkeit bestimmt. Wortkritik als Sachkritik: der Ausdruck „Knochenmühle“ wird verteidigt, die Bezeichnung „wilder Streik“ zurückgewiesen. Erschütternd, wie die Bauern Mißstände und Ausbeutung zu durchschauen beginnen und wie ihr Staunen zur Anklage wird: „Aber das geht ja gar nicht! Das Band darf doch nicht ununterbrochen laufen!“ – „Bei uns haben die Schweine eine Klimaanlage... und ihr habt sie nicht?“

Und schließlich dann, klug auf den Anfang bezogen, die Beschreibung der Heimkehr – Erwartung und Realität werden miteinander konfrontiert, ein Lernprozeß auf den Begriff gebracht. („Das hätte ich nicht gedacht“, sagte ein Bauer, „daß der Mann im Werk da lieber bessere Bedingungen am Arbeitsplatz als höheren Lohn haben wollte.“)

So und nicht anders sollte ein Thema wie dieses behandelt werden: klar, logisch, exakt und ... listig. Nicht nur die Bauern lernten; es lernte auch – eingeladen zur Identifikation mit der münsterländischen Omnisbusrunde und dieser Einladung bereitwillig folgend – der Betrachter am Bildschirm.

Das Staunen, scheint es, ist noch immer das beste Mittel, um einen Erkenntnisprozeß in Bewegung zu setzen. Momos