Ein Lehrbeispiel für die Vorzüge der Antipathie des Analytikers

Von Ernst Richert

Die DDR-Forschung steckt bei uns in einer Krise, die mit den politischen Veränderungen in Europa ebenso zusammenhängt wie mit der Problematik wissenschaftlicher und außerwissenschaftlicher, erkenntnisleitender Interessen. Seit vielen Monaten wird darüber in der einschlägigen Zeitschrift Deutschland Archiv leidenschaftlich diskutiert.

Um so bemerkenswerter ist deshalb ein geradezu bewunderungswürdiges Buch von fast 1200 Seiten, eine 1972 erschienene Ein-Mann-Arbeit, nämlich ein Kommentar zur DDR-Verfassung von 1968 – leider zu dem (gewiß bei Nicht-Subventionierung unvermeidlichen) Preis von fast hundert Mark:

Siegfried Mampel: „Die sozialistische Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik“; Alfred Metzner Verlag, Frankfurt 1972; 1174 S., 96,– DM.

Der seinerzeit prompt auf den Markt geworfene Kommentar von Müller-Römer, der zur Erstorientierung nicht schlecht war, ist nun abgelöst. Zu Unrecht wird das neue Werk Mampels als Drittauflage seines alten Kommentars zur Verfassung von 1949 ausgegeben.

Mampel, ein brillant scharfsinniger, aber erzkonservativer Jurist von enormem Wissen, hatte in seinem Kommentar zur Verfassung von 1949 die ihn provozierende Aufgabe, eine zum Zeitpunkt ihres Inkrafttretens bereits überholte Verfassung der so anders gearteten Wirklichkeit in der DDR gegenüberzustellen. Die Verfassung der nunmehr offen sozialistischen DDR von 1968, im wesentlichen den realen Verhältnissen entsprechend, ermöglicht dem Autor dagegen eine sehr subtile, vorwiegend immanente Analyse, die auch nicht verzerrt wirkt, obwohl er zwei sehr problematische politische Grundthesen („Suprematie der SED“, „verdeckte Fremdherrschaft“) beibehalten hat.