Von Karl-Heinz Janßen

Militärputsche haben ihr eigenes Ritual, gleichviel ob in Bangkok oder Bagdad, in Lomé oder Lima – oder Athen: Marschmusik und markige Parolen im Äther, Panzer in den Straßen, Hausarreste für die alten Herren, Lametta für die neuen. Das Vaterland ist in Gefahr, das gestürzte Regime korrupt, das aufsteigende ehrlich bis auf die Knochen. Die Verschwörer stehen natürlich im Solde der CIA, und natürlich dementiert das State Department jegliche Beteiligung amerikanischer Stellen.

Doch die Putschisten in Griechenland haben dem herkömmlichen Bild einige neue Lichter aufgesetzt: Normalisierung binnen eines Tages, Aufhebung der Vorzensur, Entlassung von Gefangenen. Zum erstenmal seit sechseinhalb Jahren durfte sich das Heer einen historischen Augenblick lang mit dem Volke eins fühlen. Dem Obersten Papadopoulos weinten die Griechen keine Träne nach, nachdem er sich bei der Niederwerfung der Studentenunruhen die Hände mit Blut besudelt hatte.

Viele Faktoren haben den Sturz des Athener Westentaschen-Mussolini beschleunigen helfen: Nachhilfe aus Washington, Boykott durch die Europäische Gemeinschaft, wirtschaftliche Stagnation nach dem Boom der sechziger Jahre, Streik der zur Mitarbeit aufgerufenen früheren Parteipolitiker, Unzufriedenheit unter der studentischen Jugend und in der Arbeiterschaft. Papadopoulos hatte nach den Athener Unruhen Mitte des Monats seinen letzten Kredit verspielt, auch bei den Offizierskameraden, mit denen er im April 1967 an die Macht gelangt war.

Der neue Präsident, General Gizikis, ist noch wenig profiliert. Ist ihm mehr zuzutrauen als die Rolle eines Nagib, hinter dem ein Nasser schon auf seine Stunde wartet? Noch steht es dahin. Einer der Drahtzieher im verborgenen war der Oberst Joannides, ein asketischer Vorkämpfer der sogenannten „Revolution vom 21. April 1967“, vielen Griechen verhaßt als Chef der Folterknechte. Sein Traum ist die Versöhnung von Volk und Militär. Viele Bürger scheinen zunächst geneigt, ihm und dem Fachkabinett des Finanzexperten Androntsopoulos einen Vertrauensvorschuß zu geben. Noch einmal sechs Jahre werden sie ihm zum Experimentieren freilich nicht lassen.

Die ersten Äußerungen der gesäuberten Junta ließen noch wenig Hoffnung auf eine demokratische Wiedergeburt. Sie richteten sich gegen „Anarchie, Herrschaft des Mobs und engstirnige Interessen“, also ebensosehr gegen demonstrierende Studenten und Arbeiter wie gegen den Nepotismus der Gebrüder Papadopoulos und ihres Klüngels, der sich auf sieben fette Jahre in selbstherrlicher Macht eingerichtet hatte. Mit der maßgeschneiderten Verfassung des gestürzten Diktators mögen die Putschisten nicht länger regieren, aber sie fanden nichts dabei, im Namen eben dieser plebiszitär abgesegneten Verfassung zu putschen. Wohl hüten sie sich, die ungeliebte Monarchie wiederzubeleben. Aber in Windeseile wurden in den Amtsstuben die Bilder der Präsidenten ausgewechselt. Zaghafte royalistische Töne in Marine und Luftwaffe verstummten rasch. Daß sie überhaupt laut wurden, läßt indes auf Gesinnungsunterschiede in den Streitkräften schließen. Es muß dies nicht der letzte Putsch gewesen sein.

Diktaturen haben ihre Krisen wie Demokratien. Werden in freien Ländern unfähige, abgewirtschaftete Regierungen kraft Stimmzettel aus dem Amt gedrängt, so bedarf es in den unfreien meist schwerer, oft blutiger Erschütterungen oder eines wirtschaftlichen Bankrotts, ehe der Prozeß des Wandels in Gang gesetzt wird. Auf diese Weise können sich militärisch-wirtschaftliche Oligarchien manchmal Jahrzehnte an der Macht halten. Es muß schon sehr viel Blut geflossen sein, um ihr Dasein abrupt zu beenden – wie jüngst in Thailand.