Von Rolf Michaelis

Der Schweizer E. Y. Meyer, 1946 in Liestal geboren, Lehrer in Ittigen, 1972 mit dem Geschichtenband „Ein Reisender in Sachen Umsturz“ als Erzähler an die Öffentlichkeit getreten, hat seinen ersten Roman geschrieben: „In Trubschachen“. Wenn Welthaltigkeit, wenn Entwicklung eines Individuums Merkmale eines Romans sind, dann ist die 218 Seiten umfassende Erzählung ein Roman, und der eigenwilligste dieses Herbstes dazu –

E. Y. Meyer: „In Trubschachen“, Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1973; 218 S., 16,– DM.

Mut zu banalerer Ausgangsposition des Erzählens findet so schnell kein junger Autor. Der sechsundzwanzigjährige Schweizer Erzähler schickt die männliche Hauptfigur, die wie Meyer Philosophie und Germanistik studiert haben dürfte, in der Zeit zwischen den Jahren zu einem Arbeitsurlaub von Biel nach Trubschachen im Emmental. Unser Held fährt los mit einer „alten Reclam-Ausgabe von Kants ‚Kritik der praktischen Vernunft‘, dem vierten und dem achten Band der bei Walter de Gruyter & Co. erschienenen Akademie-Textausgabe von Kants Werken und zwei Kant-Biographien“.

Was so praktisch vernünftig beginnt, geht rasch über in Verstörung und Unvernunft und endet in Wahnsinn und – gerade noch vermiedenem – Tod. Wer sich an die beste Geschichte von E. Y. Meyers erstem Buch erinnert, „Der oberste Tag“, wird stutzig schon, wenn er merkt, daß der Erzähler seinen Kant-Forscher zwischen Weihnachten und der – spätestens seit Shakespeare berüchtigten – „Twelfth Night“ des Dreikönigstages in die Fremde schickt; heißt es doch in jener Erzählung, daß dies „eine Tummelzeit für unheimliche Mächte“ sei, die „ganz und gar den Dämonen gehöre“.

Vom ersten Satz an entrückt E. Y. Meyer den Leser in ein Zwischenreich der Wirklichkeit, in jene Spanne zwischen den Jahren, in der die Uhren stehenzubleiben scheinen, in der die Zeit aufgehoben ist. Meyer zählt in einem fast die ganze erste Seite füllenden Satz scheinbar nur die Bahnstationen zwischen Biel und Trubschachen samt Ankunfts- und Abfahrtzeiten auf – und erreicht doch, daß der Leser, der bereit ist, sich auf den umständlich verlangsamten, auf den ersten Blick schwerfällig exponierenden Erzählstil einzulassen, in den Sog einer in den Tod treibenden Strudelbewegung des Berichtens gerät.

Mit einer aufs Detail versessenen Behäbigkeit, einem akribischen Wirklichkeitsfanatismus sammelt E. Y. Meyer alles in sein Buch: Namen und Daten, Ortsangaben, Wegeschilder, Firmenzeichen. Gerade solch wütende Genauigkeit der Beschreibung von Landschaft und Menschen führt jedoch dazu, geschaute und geschilderte Wirklichkeit nicht vertraut, sondern fremd erscheinen zu lassen. Je sorgfältiger der Erzähler Wege und Umwege seiner täglichen Spaziergänge nachzeichnet, desto gewisser schickt er den Leser in ein Labyrinth. Das lieblich hügelige Emmental der „Küher und Käser“ wird zum Tal des Todes. Noch die scheinbar philologische Exaktheit, mit der die tägliche Speisekarte samt ihren Berner Dialektspezialitäten in den Text eines Romans übernommen wird, „Berner Züpfe (Zweistrang-Zopf), Kartoffelwürfeli, Nierli, Randensalat, Gnagi (Eisbein), Bätzi (Kernobstschnaps)“, dient dazu, dem Esser die Delikatessen zu entfremden, dem Leser das Alltägliche als etwas Fernes, Exotisches darzustellen.