Wärmeliebende Amerikaner wurden innerhalb weniger Wochen zweimal geschockt. Um mindestens vier Grad sollten sie, wie Präsident Richard Nixon seine Landsleute öffentlich aufforderte, die Thermostate in Wohnstuben und Büros herunterdrehen, von durchschnittlich 26 auf etwa 22 Grad Celsius. Dem angesichts der Energieknappheit noch eingängigen Präsidentenappell folgte eine zweite, diesmal Wissenschaftliche, Hiobsbotschaft. Auf der National Youth Conference für Wissenschaft und Umwelt kündigte Gene L. Wooldridge, Meteorologie-Professor an der Staatsuniversität von Utah, vorletzte Woche in Chikago an, daß die von vielen insgeheim gehegte Hoffnung auf einen weltweiten Temperaturanstieg unbegründet sei.

Innerhalb von 40 Jahren, in der Zeitspanne von 1920 bis 1960, war die Temperatur auf der Erde um knapp ein Grad Celsius angestiegen. Der Aufwärtstrend stoppt seit Anfang der sechziger Jahre, es wird zunehmend kühler. Beide Temperaturphänomene haben paradoxerweise, wie Wooldridge ausführte, nahezu die gleiche Ursache: die durch Industrie- und Zivilisationsabgase bewirkte Luftverschmutzung.

In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts sammelte sich das aus Fabrikschloten und Auspuffanlagen der Automobile ausgestoßene Kohlendioxid in den oberen Luftschichten der Erde und bildete dort eine Art Schutzschild. Diese Kohlendioxidhülle hielt die irdische Wärmestrahlung, die sonst in den Weltraum entwichen wäre, wie in einer Falle fest. Während der 40jährigen treibhausähnlichen Konstellation war die Temperatur weltweit um eben jenes eine Grad Celsius angestiegen und wurde durch neue Emissionen ständig verstärkt.

Zwar bestehe der Kohlendioxidschild auch heute noch. Doch sein Temperatureffekt sei, so der US-Meteorologe, seit etwa zehn Jahren wirkungslos geworden – durch die Kleinstpartikel, die in zunehmendem Maße von Industrie- und Kraftwerksanlagen ausgestoßen werden. Diese mikroskopisch kleinen Schmutzteilchen wirken ihrerseits wie ein Vorhang, der die Sonneneinstrahlung auf die Erdoberfläche abhält.

Selbst wenn, wie es die neuen US-Emissionsvorschriften verlangen, der Partikelausstoß aus Industrieanlagen nahezu verhindert wird, kann das Temperaturproblem nicht gelöst werden. Allenfalls kann vermieden werden, daß der Sonnenvorhang noch dichter wird und den Kühlvorgang verstärkt. „Die kleinen meteorologisch signifikanten Partikel“, erklärte Wooldridge in Chikago, „werden in der Atmosphäre festgehalten und bleiben dort für absehbare Zeit.“ Schlimmer noch: Nicht nur in den Gebieten, in denen die unsichtbaren Teile produziert werden, also in den stark industrialisierten Ländern, wird die Temperatur in den nächsten Jahrzehnten allmählich sinken. Auch die warmen, für ihre besonders reine Luft so geschätzten Landstriche dieser Erde werden künftig vom Abwärtstrend der Temperatur nicht verschont bleiben. Sehr schnell verteilen sich die Kleinstpartikel, von denen die erwärmenden Sonnenstrahlen reflektiert werden, um den gesamten Globus.

Wohl hat Meteorologe Wooldridge in einer Untersuchung herausfinden können, daß heftige Regengüsse reinigende Abhilfe bringen. Die Wasstertropfen binden die Kleinstpartikel in der Atmosphäre und regnen die Schmutzteile auf die Erdoberfläche. Doch die Reinigungskraft des Regens wird schnell zunichte.

Daß die Temperaturthesen des US-Meteorologen nicht als bloße Schwarzmalerei abgetan werden können, bewies jüngst eine amerikanischpolnische Gemeinschaftsexpedition. Die Wissenschaftler unter Leitung des polnischen Umweltexperten Zbigniew Jaworowski waren ausgezogen, um Eis und Schnee im Himalaja zu untersuchen. Die höchsten Berge der Erde, die 500 Millionen Jahre lang Verschleiß und Abnutzung unbeschadet überstanden, zeigen nun auch Spuren der Luftverschmutzung. Vor allem in den Eisschichten der Gipfellagen fanden die Umweltforscher aus Polen und den USA schmutzige Ablagerungen, die vor 25 Jahren noch fehlten. f. b.