Von Werner Ross

Theologen, heute ein wenig verloren in der Landschaft, haben ihren Zeitgenossen doch eines voraus: Sie sind auf du und du mit Wundern und mit Mythen, sie haben vermutlich noch Latein gelernt und Ovid gelesen, sie wissen etwas von „speculatio“, zu deutsch: Spiegelschau des Ewigen, und erkennen überall dort, wo wir nur Gegenstände einsam herumstehen sehen, Abbilder, Sinnbilder, Bezüge. Auch wenn die Funktion, der Glaube, die Kirchlichkeit von ihnen abfallen, bleiben die Erinnerungen als produktives Ferment, als Spielzeug der Phantasie, als politische Verzauberung des Profanen. Ist dann der Zauber in vollem Gange, so kann der Exfromme mit Augurenlächeln beiseite tretend mit heiterer Ironie darauf verweisen, dies sei kein Mysterien-, sondern nur ein Marionettenspiel. Auf dem Umschlag macht der Autor des hier zu besprechenden Werkes

Kuno Raeber: „Alexius unter der Treppe oder Geständnisse vor einer Katze“, Roman; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1973; 310 S., 26,– DM

eine solche Volte deutlich: als Wendepunkte in seinem Leben eine gescheiterte Ehe und zuvor „meine kurze, aber intensive Noviziatszeit bei den Jesuiten“ benennend: „Sie bezeichnet, soweit das ein katholisch durchgekneteter Luzerner von sich sagen kann, meine Loslösung vom Christentum.“

Kuno Raeber, Jahrgang 1922, als Schweizer Bürger im behaglichen Münchner Exil lebend, gehört als Typ zu den Dichtern, nicht zu den Literaturproduzenten. Kein Stubenpoet allerdings, sondern ein freundlich-geselliger Wanderer durch literarische Cocktails, von dem man weiß, daß er Gedichte geschrieben hat und witzig zugespitzte mythische Parabeln. Noch das letzte Buch, „Mißverständnisse“, bezeichnete seinen fragmentarischen Charakter durch den Untertitel „22’ Kapitel“.

Das neue Buch nennt sich Roman, und wenn es auch, wie gleich hinzugefügt werden soll, keiner ist, so enthält es doch zum erstenmal, breit entfaltet, als große Phantasmagorie, Kuno Raebers poetische Welt, ein Universum, das Besichtigung lohnt und Verzauberung aufs freundlichste ermöglicht. Kein Roman, auch dann nicht, wenn man einem modernen Romancier zugesteht, daß er Zeitebenen beliebig verlegt, mit Schauplätzen willkürlich umspringt, selbst die Identität seiner Figuren nach Plan verwirrt. Auch dann gibt es noch eine Grundbedingung des Romans, die zu achten ist: Handlung, weiterführendes Geschehen.

Raebers Buch besteht aus lauter Zuständen, genauer gesagt, aus einem Zustand: dem des Sitzens, Sinnens, Träumens. Alexius, der Held und Heilige des Titels, ist mit dem Schreibenden eng verwandt. Von ihm erzählt die Legende, daß er vor der Hochzeitsnacht seinen Eltern und der Braut davonlief, ein Eremitendasein führte, unerkannt zurückkehrte und siebzehn Jahre in seinem Elternhaus unter der Treppe als Bettler hockte, bis zu seiner Erkennung im Augenblick des wundersamen, heiligmäßigen Todes. So hockend, wenn auch nicht gerade unter einer Treppe, entwirft der träumende Dichter die Welt als Wille und Vorstellung. Ausdrücklich ist dem Buch als Motto ein Abschiedsverslein vorangestellt, silbriges Rokoko von Mozarts Librettist Da Ponte, an den Liebesschmetterling gerichtet, der nicht mehr herumstreifen wird, um den Schönen die Nachtruhe zu stören. Von solchen Abenteuern kann am Kellerplatz keine Rede mehr sein.