Von Martin Gregor-Dellin

Wer ist dieser Mann? Er findet einen Gummisack mit Kasten. Er heißt Jean Reubell. Er ist ein Hobby-Sammler. Der Radiosprecher sagt: dunkelbraune Haare, braune Augen, ein schmales Gesicht, trägt Mappe. Aber alle sehen heute so aus. Gibt es ihn überhaupt? Andere sagen, er wohne im Elsaß. Eine Mutter bringt inzwischen ihr Kind um.

Reubell wechselt die Berufe. Jemand quält jemanden. Reubell arbeitet schwarz, sagt man. Falls er arbeitet. Und falls es ihn wirklich gibt, was nicht erwiesen ist. Sollte man ihm die Polsterstühle zum Überziehen geben? Reubell ist billiger. Sagt man. Reubell ist im Kino inzwischen eingeschlafen. Falls er es ist, wohlgemerkt. Immer vorausgesetzt, daß ...

Es ist nicht ausgeschlossen, daß jemand von der Polizei gesucht wird, der Reubell heißt. „Er erscheint allerdings nicht immer pünktlich im Büro.“

Jörg Steiner veröffentlichte 1962 den Roman „Strafarbeit“, 1966. „Ein Messer für den ehrlichen Finder“ und 1969 die lakonischen Geschichten „Auf dem Berge Sinai wohnt der Schneider Kikriki“. Sein neues Buch –

Jörg Steiner: „Schnee bis in die Niederungen“, Erzählung; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1973; 89 S., 12,80 DM

ist nicht lakonischer, sondern nur kürzer, und statt einer verknappten Wiedergabe von Realität verzichtet es auf diese ganz, indem es Eigenschaften sammelt ohne den Mann: Reubell bleibt ein Name. Gleich zu Anfang heißt es: „Was ich schreibe, muß ich so beschreiben, daß es sich selbst erklärt. Erklären kannst du nur, was der andere schon weiß.“ Dabei bleibt es. Wir scheinen eben viel nicht zu wissen, da sich das Beschriebene nicht selbst erklärt.