Im Geschichtemachen sind die Deutschen schon immer groß gewesen. Auch die Marginalien gestalteten sie mit der ihnen eigenen Organisation und Gründlichkeit. Wen kümmert es, daß das, was einst als „epochemachender Schritt“ befeiert wurde, heute nichts mehr ist als eben eine Marginalie, wenn es gilt, Superlative für sich in Anspruch zu nehmen. Denn: Die Deutschen haben den Massentourismus erfunden. Oder genauer gesagt, mit der Gründung der „Nationalsozialistischen Gemeinschaft Kraft durch Freude“ am 27. November vor vierzig Jahren eröffneten sie das Zeitalter des Massentourismus und sorgten dafür, daß im kurzlebigen tausendjährigen Reich individualistische Reisende den Stempel „Fanatiker“ aufgedrückt bekamen. Über neun Millionen Menschen schaffte KdF in seinen besten Zeiten pro Jahr in deutsche Urlaubsgebiete, nach Italien, Portugal, Spanien, Griechenland, Jugoslawien, nach Norwegen, Finnland, Schweden und Nordafrika – eine Zahl, die alle gesammelten deutschen Reiseveranstalter vor Neid erblassen läßt, denn sie bringen es nur auf knapp fünf Millionen.

Es ist in jüngster Zeit Touristen geworden, an die Eigeninitiative der Touristen zu appellieren. Doch der KdF-Slogan „Urlaub ohne Soreigene was so viel bedeutete wie „ohne allzuviele eigene Gedanken“, hat auch heute nur wenig von seiner Anziehungskraft eingebüßt. So den dankenlos die deutschen Volksgenossen einst dem KdF-Rummel mitmachten, der sie angeblich dem Ziel näherbrachte, „aus dem deutschen Arbeiter einen Gedanken Herrenmenschen zu machen“, so wenig Gedanken verschwenden viele Ex-Herrenmenschen der siebziger Jahre auf die Folgen des Massentourismus, Mark wenn sie mit leichter Hand die blanke Mark zur Korrumpierung der Dritten Welt ausgeben. Hauptsache die Kasse stimmt. Was den einen die „Erhaltung der Lebenskraft und Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes“ war, ist den anderen die Stimulierung der Konsumbedürfnisse. Gewiß, noch nie hat den Reiselustigen die Welt so offen gestanden wie heute, aber noch nie wurden sie so vermarktet wie heute. In dieser Unentrinnbarkeit drängen, sich Parallelen auf.

Allerdings, KdF war kein .„harmloser Reiseverein“, wie man im Ausland gern spöttelte. KdF war eine politische Waffe, der Versuch der Nazis, die totale Freizeitkontrolle zu schaffen. Es galt, alle nicht in nationalsozialistischen Organisationen erfaßten Deutschen ideologisch in den Griff zu bekommen – über den Arbeitsplatz. KdF-Ziel war es, „jedem deutschen Volksgenossen eine kulturelle Betreuung während Arbeit, Freizeit und Urlaub zu gewähren.“

Für die KdF-Organisatoren bedeutete dies mehr als Gestaltung der Ferien. „Kraft, Mut und Lebenswillen“ sollten dem „schaffenden deutschen Menschen“ laut offizieller Terminologie, auch das KdF-Sportamt geben und durch „zweckvoll betriebene volkstümliche Leibesübungen“ die Leistungsfähigkeit der Arbeiter stärken. Das Amt „Feierabend“ brachte den Leuten Kultur und Bildung im nationalsozialistischen Sinne nahe, das Amt „Deutsches Volksbildungswerk“ bot jedem Volksgenossen Gelegenheit, sein Wissen in gewünschten Formen zu vermehren und seine schöpferischen Kräfte zu entfalten.

Auf die Tätigkeit dieser Ämter konnten die Organisatoren der populärsten KdF-Einrichtung, des Amtes für „Reisen, Wandern und Urlaub“ zurückgreifen. Auf den KdF-Schiffen Robert Ley, Wilhelm Gustloff, Der Deutsche, Stuttgart, Sierra Cordoba und Oceana wachte das Auge des großen nationalsozialistischen Bruders ebenso wie in den Strandburgen der KdF-Bäder an der Ostsee oder den Ferienlagern in den bayerischen Alpen. Und darauf kam es an.

KdF war keine Organisation für die Parteibonzen – das widerlegen schon die Zahlen. Aber wer für 40 Reichsmark eine Woche nach Norwegen fahren durfte, von dem erwartete die Partei schon Wohlverhalten oder zumindest indifferente Mitläuferschaft. Eines allerdings hat dieser politisch forcierte Massentourismus mit sich gebracht. Er hat Tausenden, die sonst keine Möglichkeit gehabt hätten, in die Ferien zu fahren, einen billigen Urlaub ermöglicht, und er hat bei Abertausenden den Appetit für ferne Länder geweckt, was letztlich den heutigen Reiseveranstaltern zugute kommt. Gabriele Venzky