Das deutsche Reisebürogewerbe ist nicht zu beneiden. Der Jahreskongreß in Athen, der eines der prosperierendsten Fremdenverkehrsländer vorführen sollte, endete unvermittelt in einer politischen Krise. Panzer, Tränengas und Sperrstunde trieben die Reisebüroleute in ihre Hotels.

Das Reisejahr 1973 – so scheint es – setzt die Branche ihrer bisher stärksten Belastungsprobe aus. Wie sich der Belagerungszustand in Griechenland auf die weitere Entwicklung des Fremdenverkehrs auswirken wird, bleibt abzuwarten. Einbußen auf Grund kriegerischer Ereignisse gab es indessen in den letzten Monaten bereits in reichlichem Maße. Der Krieg im Nahen Osten reduzierte den Touristenstrom nach Israel, Ägypten, in den Libanon und andere arabische Staaten, die Straßenschlachten in Bangkok verschreckten nicht wenige Fernost-Lustreisende, der permanente Bürgerkrieg in Nordirland warf seine Schatten auch auf die grüne Republik, der Bruderzwist zwischen Tansania und Uganda stiftete Verwirrung unter Touristen und Veranstaltern, und der Bürgerkrieg auf den Philippinen ließ die Reisenden die lockenden Inselangebote mit Skepsis betrachten. Doch nicht nur Krieg und politische Wirren trafen das Tourismusgewerbe, auch an anderen Katastrophen war kein Mangel: Pocken in Jugoslawien, Cholera in Italien und Tunesien, eine Unwetterkatastrophe in Spanien.

Am stärksten wirkten sich freilich die innerdeutschen Schwierigkeiten auf den Touristikmarkt aus: Der fast sieben Monate währende Bummelstreik der Fluglotsen und nun auch noch die Ölkrise, die dem Autotourismus und dem Flugverkehr neue Daumenschrauben ansetzt. Die Folgen werden auch hier nicht nur sinkende Touristenzahlen, sondern auch höhere Preise sein. Fatal für eine Branche, die gerade mit den Problemen der Dollarkrise fertig werden mußte.

Aber das Reisebürogewerbe hat auch seine eigenen Kriegsschauplätze, allen voran die Auseinandersetzung mit den Verbrauchern und dem Justizministerium über ein neues Haftungsrecht bei Pauschalreisen. Hier wurde die Branche ausnahmsweise einmal nicht überrascht, im Gegenteil, hier hat sie sich einen großen Teil der anstehenden Probleme selber zuzuschreiben. Fertig werden müssen die Reisebüros auch mit dem Problem der Konzentration in den eigenen Reihen. Der Zusammenschluß einiger Reisebüros zur „First-Gruppe“, mit dem besserer Service erreicht werden soll, hat die Branche aufgeschreckt. Qualitätsverbesserung ist ohnehin Thema Nummer eins für die Zukunft, bessere Ausbildung der Reisebürokaufleute, bessere technische Ausstattung der Büros, Steigerung des Informationsstandes im Interesse der Kunden. Nur so werden sich in Zukunft mehr Touristen eines Reisebüros bedienen, der bisherige Anteil von nur 30 Prozent spricht eine deutliche Sprache.

Und der Reisebüroverband hat schließlich auch politische Sorgen: Wenn, es nicht gelingt, unsere Politiker stärker als bisher für diesen wichtigen Wirtschaftszweig zu interessieren, werden größere Krisen nicht ausbleiben. Die touristische Infrastruktur der Bundesrepublik ist dabei nur eines der längst überfälligen Themen.

An der notwendigen Einigkeit zur Durchsetzung seiner Ziele mangelt es dem Reisebürogewerbe ganz offensichtlich und vielleicht auch an einer zielbewußten Führung. Oder hat man den Ernst der Lage noch nicht erkannt?

Ferdinand Ranft