Viel Angst

„Ein Hund für Oliver“, von Helen Griffith. Wenn sie’s alle doch so könnten: die Realität, so grausam und brutal sie sein kann, einbauen in den Rahmen der kindlichen Vorstellungswelt. Helen Griffiths Buch ist eines von denen, an die man sich als Erwachsener immer wieder erinnert, weil sie einen zutiefst ergriffen haben. – Oliver geht täglich verdrossen in seine Schule. Wer freute sich schon auf diesen Gang? Aber Oliver hat es besonders schwer. Er wird kaum beachtet, er hat keinen Freund, niemand kümmert sich um ihn. Seine Eltern haben ihre eigenen Sorgen. Täglich begegnet Oliver einem alten Mann, der einen mageren ungepflegten Windhund an der Leine führt. Chico heißt er, oder besser Chicitto – „Sohn von Blitz aus Windsbraut“. Ein Hund wäre Olivers ganzer Traum, doch seine Mutter weckt ihn unerbittlich auf: Sie können sich keinen Hund leisten, er kostet Geld, und die Wohnung ist zu klein. Aber Oliver träumt weiter, spart sein Schulessen, gönnt sich keinen Comic und kein Kino mehr – dennoch reicht das bißchen Taschengeld nicht. Mit dem alten Mann hat sich Oliver inzwischen angefreundet, er darf jeden Sonntag Chico zum Spaziergang abholen. Als der alte Mann ins Altersheim muß und Chico verkaufen will, ist die Chance für Oliver gekommen. Er will Chico um jeden Preis. Ein düsterer Bursch bietet ihm Geld an – jetzt scheinen alle Probleme gelöst. Chico wird in einem verlassenen Keller versteckt, täglich besucht und gefüttert, Oliver zieht seine Schwester Cora ins Vertrauen, gewinnt sogar mit seinem Hund einen Freund – wenn nur das Geld nicht wäre: Der Bursche, der das Geld verliehen hat, beginnt Oliver zu erpressen, er soll auf den Diebeszügen einer Jungenbande Schmiere stehen. Aus Angst, Chico zu verlieren, macht Oliver mit, eines Tages aber kann er nicht mehr weiter und vertraut sich seiner Mutter an. Die Bande wird gesucht; sie rächt sich furchtbar an Oliver und seinem Hund. – Der Leser gleitet samt seinem Helden in dieser Geschichte ständig am Abgrund entlang und bekommt doch immer wieder festen Boden unter die Füße. Er frißt das Buch, atemlos und fiebrig und fühlt sich doch geborgen: alles ändert sich. Die Autorin mutet dem jungen Leser viel zu an Angst und Bedrohung, aber sie läßt ihn nie allein. So mag er die Realität bewältigen, die er in diesem Buch erkennt und von der er ahnt, daß sie sicher auf ihn zukommt. (Aus dem Englischen von Edith Gradmann, Benziger Verlag; 176 S., 12,80 DM) Chr. Z.

Vom Tschuschen-Mädchen

„Ülkü, das fremde Mädchen“, von Renate Welsh. Der Verlag, der sich durch die Herausgabe der ersten mehrsprachigen Bücher für Gastarbeiterkinder verdient gemacht hat, legt nun ein Jugendbuch zu diesem aktuellen Thema vor. Die Ich-Erzählerin Bärbel, etwa 14 Jahre alt, berichtet, wie sich ihr Leben und das ihrer Schulklasse durch das türkische Gastarbeitermädchen Ülkü verändert. Anfangs verhält sich Bärbel reserviert und teilt eher die Auffassung der meisten Klassenkameraden und deren Eltern, daß Ülkü ein Störfaktor für die Klassenharmonie sei. Allmählich baut sie aber ihre Vorurteile gegen das „Tschuschen“-Mädchen ab und beginnt, sich stärker um Ülkü zu kümmern. Schließlich werden sie Freundinnen, wenn es Bärbel zu ihrem Leidwesen auch kaum gelingt, Ülkü von ihrer Haltung, klaglos alles hinzunehmen, abzubringen. Die Geschichte ist – glaubwürdig durch die (allerdings formal nicht immer gemeisterte) Ichform – mit leichter Hand geschrieben und gut lesbar. Ein schwacher Punkt in der Handlungsführung (die Wende muß durch Ülküs Erkrankung herbeigeführt werden) fällt nicht allzusehr ins Gewicht. Die Erzählung zielt auf Abbau von Vorurteilen, vermeidet aber nicht ganz den Aufbau von Gegenklischees (wie zumeist Bücher dieser Art): Zwar erzählt Bärbel ehrlich von ihren eigenen Schwierigkeiten, Ülkü gerecht zu werden, von eigenen Fehlern und Schwächen, aber Ülkü gerät in ihrem Lerneifer, in ihrer brillanten Sportlichkeit fast schattenlos – fast: ihre Leidensfähigkeit und Passivität fallen Bärbel auf die Nerven.

Interessant ist der Versuch des Verlages, dasjenige an Informationen in einer (rot eingefärbten) Dokumentation dem Text hinzuzufügen, was der Leser braucht, um das erzählend Mitgeteilte nicht durch Hinweis auf dessen Fiction-Charakter entschärfen zu können. Hier werden Auszüge aus authentischen Berichten, Protokollen, Notizen, Tagebucheintragungen und Briefen geboten, deren Quellen zwar nicht angegeben werden, immerhin aber die Beurteilung der in der Erzählung widergespiegelten Wirklichkeit ermöglichen. (Jugendverlag und Volk, Wien/München, 1973; 124 S., 13,– DM) M. D.