Neu in Museen und Galerien:

Frankfurt Bis zum 6. Januar 1974, Städelsches Kunstinstitut: „Victor Müller“

Frankfurter halten Victor Müller (1830–1871) für den größten Frankfurter Maler im 19. Jahrhundert. Städel-Besucher werden erheitert oder ergriffen vor. sein er „Ophelia am Weidenbaum am Bach“ gestanden haben, die an prominenter Stelle im Museum hängt. Das Städel, das den Hauptteil seiner Werke besitzt, hat ihm eine Gesamtausstellung eingerichtet. Sie hat nicht die Absicht, einen vergessenen oder unterschätzten Maler aufzuwerten. Sie verhält sich kritisch ihrem Gegenstand gegenüber, nicht nur in den vorzüglichen Katalogtexten, sondern indem beispielsweise die Müllerschen Bilder, gelegentlich mit ihren berühmten Vorbildern konfrontiert werden. So hat man sich, um Einfluß und Abstand anzudeuten, einen Delacroix aus dem Louvre und die „Liebenden“ von Courbet aus Lyon ausgeliehen. Am Fall Victor Müller wird das Problem des Künstlers einsichtig, der vielbegabt und unentschlossen sich den herrschenden Gegebenheiten anzupassen bemüht ist und dabei ständig in Konfliktsituationen gerät. Er scheitert bei dem Versuch, seine Courbet-Verehrung für die eigene Arbeit produktiv zu machen. Seine „Waldnymphe“ ist ein verunglückter Courbet, aber ein bravouröses Stück effektvoll pointierter Erotik, das in seiner manieristischen Attitüde weit über Stuck hinausgeht und geradezu auf Paul Wunderlich verweist. Im übrigen malte er, was seine Auftraggeber verlangten, für den Kommerzienrat Reiß die Ritter-Hartmut-Bilder, Ritterromantik fürs bürgerliche Heim und für den Verleger Bruckmann einen Shakespeare-Zyklus, in dem er sich von Delacroix fortentwickelt in Richtung auf Piloty und die Münchner Historienmalerei. Wenn man nun noch seine Porträts, seine „gewagten“ Halbakte, die wenigen Landschaften (in der Barbizon-Nachfolge) dazu nimmt, dann hat man zwar keine klar konturierte Persönlichkeit vor sich, aber ein weit aufgefächertes Panorama künstlerischer Möglichkeiten einer ganzen Epoche.

Köln Am 30. November, Kunsthaus Lempertz: „Kunst des XX. Jahrhunderts“

Das Kölner Auktionshaus taktiert nicht ungeschickt, wenn es den Markt auf die Kunst der letzten Jahre und auf Arbeiten auch jüngerer Künstler ausweitet. Ob das nun aus Begeisterung fürs Aktuelle geschieht oder weil das reguläre Angebot knapp wird, ist unerheblich. Jedenfalls findet man hier auch schon Namen wie Graubner („Kissen-Flächen“, je 1600 Mark), Agam, Christo, Uwe Bremer, Hans Martin Erhardt und Axel Arndt („Radio-City“ von 1970, 5800 Mark). Auf der anderen Seite wird auch das 19. Jahrhundert in den Auktionsbereich einbezogen. Ein Liebermann-Gemälde von 1898, die „Badenden Knaben“, ist mit 100 000 Mark das höchst taxierte Versteigerungsobjekt, der Preis liegt erheblich über dem Niveau, auf dem Liebermann bisher gehandelt wurde. Zu den Seltenheiten aus den neunziger Jahren zählt das komplette Album der „Revue Blanche“ von 1895, wo die Nabis als geschlossene Gruppe auftreten, außerdem ist Odilon Redon mit dem „Cheval ailé“ vertreten (Schätzpreis 25 000 Mark). Ein klassisches Werk aus der Mitte des 19. Jahrhunderts: Daumiers „Ratapoil“ in einem nicht numerierten Gußexemplar (35 000 Mark). Die großen Namen des 20. Jahrhunderts sind ziemlich vollzählig, oft allerdings nur mit wenigen graphischen Arbeiten vertreten. Größere Werkgruppen werden von Rouault (mit dem Selbstbildnis von 1922, 10 000 Mark), von George Grosz („Nachbars Lenchen“ für 1600 Mark), Dali und Max Ernst angeboten, auch die neuesten Blätter des Unermüdlichen werden sehr hoch bewertet. Das starke Interesse für Dix bringt einige merkwürdige und auch unbekannte Bilder aus den Jahren nach 1933 ans Licht, so das Porträt Frau Paula Köhler und „Jakobs Kampf mit dem Engel“ aus einem Zyklus religiöser Gemälde, die Dix 1943 für einen schlesischen Mäzen auszuführen hatte (Schätzpreis 23 000 Mark). Gottfried Sello

Wichtige Ausstellungen:

Bremen Bis zum 20. Januar 1974, Kunsthalle: „Die Stadt: Bild – Gestalt – Vision“