Als er seine letzte Pressekonferenz in der Bundesrepublik gab, schrieb man den 5. September 1972, 9 Uhr morgens. Ein paar Stunden vorher waren die Araber in das Olympische Dorf eingedrungen und Mark Spitz, der siebenmal vergoldete, das überflüssigste Thema des Tages. In der Halle des Pressezentrums lehnten damals sehr augenscheinlich eine ganze Menge Leute, denen man den Kriminalbeamten von weitem ansah. Mark Spitz, der den Olympischen Spielen in München zur Galionsfigur wurde wie früher die Vera Caslavska, Emil Zatopek oder Jesse Owens bei anderen Gelegenheiten – Mark Spitz, ein Jude, hatte an diesem Morgen Angst. Ein paar Stunden später verließ er München.

Nun war er wieder da, vierzehn Monate danach. Der Schauplatz eine außerordentlich schöne Hotelhalle in Herzogenaurach in der Nähe von Nürnberg – die Branche weiß Bescheid: Dort wohnt der „Schuster der Nation“, der Mann, der drei Streifen an die Schuhe heften läßt, der mit dieser eigentlich simplen Markenidee ein anerkanntes Sportschuhunternehmen inzwischen weltweit bekannt machte. Es gibt nur wenig Klasseathleten, die dem Hause nicht verbunden sind. Natürlich auch Spitz. Der Rahmen – wie gesagt – ist schöner, die Stimmung gelöster – es ist eigentlich so, wie man es sich damals für den 5. September, 9 Uhr, vorgestellt hatte. Mark Spitz, 22 Jahre alt, gibt eine Audienz. Unter den Besuchern gibt es zwei – der eine groß, schlank, schwarzer Anzug, gelbes Hemd, korrekte Krawatte, der andere in grauer Hose und legerem Pullover, breitschultrig wie ein Mittelgewichtsboxer –, die die Rolle der Kriminalisten übernommen haben: Die einladende Firma war vertraglich verpflichtet, zwei Detektive zu engagieren, die dem jungen Mann auf Schritt und Tritt folgen. Zum Essen setzen sie sich so, daß sie ihren Schützling im Auge behalten können. Als Spitz „mal raus muß“, muß der eine von beiden auch. Nachts – so hört man – wachen sie vor dem Hotelzimmer, das er mit der jungen Frau Su bewohnt.

Er trägt Dunkelblau und gelben Pullover, weiße Socken, den Ehering links – sie an jeder Hand einen Haufen Ringe, auch Dunkelblau, roter Pullover, lange Haare bis weit über die Schultern. Autogramme schreiben sie beide mit der linken Hand. Wenn sie lachen, könnten sie für das Phänomen „junges Glück“ dastehen. Oder wenigstens für Zahnpasta. Beide Branchen haben das Paar dafür noch nicht entdeckt. Mark Spitz ist trotzdem gebucht. Er erzählt von sieben Firmen, bei sechs davon ist er finanziell beteiligt. Nach Deutschland kam er – wievorher nach England, Frankreich, der Schweiz, Holland, Italien – wegen einer Badehose, die er kreierte. Er hat weitere Verträge mit Firmen für Rasierapparate, Kosmetik, Bekleidung. Die Kontrakte laufen zwischen fünf und fünfzig Jahren. Die Garantiesummen liegen bei Beträgen, die Ministergehälter weit überschreiten. Er will von Kalifornien nach Hawaii segeln. Über die Frage, ob er nicht Lust habe, an olympischen Segelregatten teilzunehmen, lächelt er ein bißchen unter seinem Schnurrbart: Das Boot, in dem er segelt, ist größer als die vorgeschriebenen olympischen Bootsklassen. Ein neben ihm sitzender junger Mann, der den Star in Schnurrbart, Haartracht und Gestik in manchmal lächerlicher Weise zu imitieren trachtet, lächelt natürlich auch. Er nennt sich Promotion-Manager.

Spitz ist 22 Jahre alt: Er habe sich acht Jahre gequält, sagt er. Dafür ist er nunmehr gesichert bis an sein Lebensende. Pro anno stehen ihm mehr als hunderttausend Dollar zur Verfügung – er segelt, er zeigt in München seiner winzigen Frau Su die Halle, in der er siegte. Nach Möglichkeit inkognito. Er steigt in einem Hotel ab, in dem kürzlich Prinzessin Margaret war oder die Burtons, als sie sich noch vertrugen. Der geneigte Leser mag den Gedankensprung verzeihen: Als ich zweiundzwanzig war, hatte ich mir vorgenommen, mit dreißig tausend Mark im Monat zu haben.

Wenn er redet, unterstreicht er seine Worte mit recht lebhaften Gesten, die ein wenig überraschend sind zu der gedämpften Stimme. Wenn er zuhört, trommelt er mit den Fingern irgendeinen verrückten Takt auf das Patschehändchen seiner Frau, die nur für einen Moment ihr stets frohes Gesichtchen ablegt, als sich ein sehr blondes und sehr langbeiniges Mädchen – wie sich herausstellt, das „Nürnberger Christkindl“ – für die Photographen zu ihm setzt. Oder er kontrolliert angelegentlich die Konstruktion des Sessels, auf dem er sitzt; oder das alte Gebälk, das man für die Decke des Saals verwendete.

Er sei kein frustrierter Athlet, der sein nächstes Rennen immer als das letzte ankündigt. Er glaube, daß man mit Pillen und Hormonen die sportlichen Leistungen einer Frau stärker lenken könne als die eines Mannes. Zur Politik wolle er nichts sagen, weil er niemand beeinflussen will. Er würde gern mehr zu sagen haben in der Sportorganisation, aber man fragt ihn nur, ob man die Sterne und Streifen auf der Badehose besser vorn oder hinten trägt. Er sei der Meinung, daß Olympische Spiele den Amateuren vorbehalten sein sollten, obgleich es schwer ist, sich darauf vorzubereiten. „Ich wäre Arzt geworden und nicht weitergekommen“, erklärt er auf die Frage, was wohl geschehen wäre, wenn er den Haufen Medaillen nicht gewonnen hätte.

Auf die Frage, ob er noch schwimmt, sagt er hart: „Nein!“ Das klingt so, als wenn man einen Arbeiter nach doppeltem Lottogewinn zumutet, weiter in die Fabrik zu gehen. Ulrich Kaiser