Kurz vor Redaktionsschluß erreichte uns eine Nachricht, die in der ZEIT tiefste Betroffenheit auslöste: Ernst Gadermann ist tot. Den Älteren von uns war er der beste Freund und der beste Arzt. Und keiner, den ich kannte, wußte wie er beides, Freund-Sein und Arzt-Sein, so zu verbinden: wie es die Geschichten von jenen Landärzten erzählen, die einst die Beichtväter des ganzen Dorfes waren.

Irgendwo im Grunde seines Herzens war er das auch, ein Landarzt und Beichtvater. Dort, wo Frankreich noch ganz ländlich ist, fühlte er sich am wohlsten. Aber er wußte, daß die Zeit der Landärzte vorbei ist. Über seine Patienten sammelte er zunächst alle Befunde, die modernste medizinische Technologie liefern kann. Dann erst trat er selber in Erscheinung, freundschaftlich mahnend: Kein Whisky vor dem Abendessen. Wenn du das Rauchen nicht aufgeben willst, schränke es doch ein bißchen ein. Laß dich nicht verrückt machen, brenn mal ein bißchen auf Sparflamme, dann kannst du noch lange leben... Manchmal sagte er so etwas ganz fröhlich, manchmal auch sehr ernst. Er verfügte über ein breites Register.

Berufenere werden Professor Gadermanns Verdienste als medizinischer Erforscher des menschlichen Blutkreislaufs und seiner empfindlichsten Stelle, des Herzens, zu würdigen haben. Andere werden auch ein stärker in die Details gehendes Bild zeichnen können von diesem wahrhaft großen Menschen, den wir nun entbehren müssen. Einem weiteren Kreis wurde er vor allem bekannt als leitender Arzt der Olympischen Spiele in München, wo die Betreuung der Athleten verbunden wurde mit Forschungsprojekten: Wie verhält sich der menschliche Lebensrhythmus, Atmung und Puls, unter der starken Belastung, der ein Leistungssportler ausgesetzt ist?

Am Montag vormittag fuhr Ernst Gadermann, wie immer, zur Vorlesung. Auf dem Wege von seinem Auto zum Hörsaal brach er tot zusammen: Das Herz des Herz-Spezialisten, der sich so gut mit anderer Leute Herzen auskannte und sich um sein eigenes Herz vielleicht doch zu wenig kümmerte, hatte versagt.

Ein schöner Tod? Kein Tod ist schön.

Rudolf Walter Leonhardt