Professor Norbert Kloten ist optimistisch

ZEIT: Die Bundesregierung wird den Sachverständigenrat vermutlich bald um ein Sondergutachten über die Auswirkungen der Ölkrise auf die wirtschaftliche Entwicklung bitten. Warum ist der Rat nicht schon beim Jahresgutachten 1973 darauf eingegangen?

Kloten: Die Energiekrise hat sich erst zugespitzt, als das Gutachten praktisch fertiggestellt war. Zudem ist der Sachverständigenrat nicht darauf vorbereitet, aktuelle Analysen einzelner Wirtschaftsbereiche mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln kurzfristig zu betreiben Insofern bedarf er hier der Zuarbeit durch Fachleute und Institute, die sich dauernd mit dem Energiemarkt befassen. Das sind aus dem öffentlichen Bereich die energiewirtschaftliche Abteilung des Bundeswirtschaftsministeriums, aus dem Universitätsbereich das Institut für Energiewirtschaft an der Universität Köln und aus dem Bereich der Institute das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, oder der energiewirtschaftliche Arbeitskreis der Institute.

Daneben muß selbstverständlich geprüft wer- den, inwieweit vorliegende Input-Output-Tabellen sektorale Verflechtungen deutlich machen und inwieweit die Energiebilanzen weiterhelfen können. Es kommt darauf an, sowohl Preiseffekte als auch Mengeneffekte zu bestimmen, wobei jeweils zwischen primären und sekundären Effekten zu unterscheiden ist.

ZEIT: Wo würden sich die ersten Wirkungen einer sich verschärfenden und länger anhaltenden Ölkrise bemerkbar machen?

Kloten: Zunächst in den Importpreisen für Rohöl und in den Importmengen. Preiserhöhungen führen zu einer Veränderung der terms of trade. (Verhältnis der Exportpreise zu den Importpreisen unter Berücksichtigung des Wechselkurses.) Diese spielt wieder eine Rolle für die Bestimmung des Spielraums für die Erhöhung der Realeinkommen. Dieser Spielraum hängt insbesondere ab von der Entwicklung der Arbeitsproduktivität, die aber nicht zu trennen ist von der erwarteten Entwicklung des realen Brutto-Inlandsprodukts. Sollte sich die Ölkrise so verschärfen, daß das Bruttoinlandsprodukt insgesamt beeinflußt wird, dann würde der Lohnerhöhungsspielraum von daher enger werden. Außerdem ist anzunehmen, daß sich das Anziehen der Ölpreise unmittelbar wie auch mittelbar in den Verbraucherpreisen auswirken wird, so daß der Preisanstieg größer werden dürfte, der selbst bei stabilitätspolitischem Handeln unvermeidlich ist. Wie der Saldo aussieht, wäre eben nur bei genauerer Prüfung festzustellen. ZEIT: Wird die Konjunkturpolitik noch härter zupacken müssen als bisher?

Kloten: Stabilitätspolitisch stellen sich im Grunde die gleichen Probleme wie gegenwärtig auch, doch verschärft sich die Lage durch die Energieknappheit. Für sich genommen ist die Ölkrise zunächst und vor allem ein Problem der sektoralen Strukturpolitik. Gesamtwirtschaftlich relevant würde sie erst, wenn die Auswirkungen der Ölknappheit nicht mehr allein den Endverbraucher, sondern zusätzlich und zunehmend die industrielle Erzeugung treffen mit der Konsequenz eines konkreten Produktionsausfalls. Aber auch dann dürfte ein großer Teil der Folgewirkungen über Verschiebungen in den relativen Preisen wie auch durch die Wahl alternativer technologischer Verfahren abzufangen sein. Das Maß an Elastizität, das unsere Volkswirtschaft auf eine solche Herausforderung hin zeigen wird, ist indessen unbekannt.