Diese Berichte sind nicht „neu“, weder inhaltlich noch formal (um 1900 gab es ja die Pubertätsgeschichten von Hesse, Huch, Musil und Mann); neu ist jedoch, daß sie als „Jugendliteratur“ (und in entsprechenden Verlagen) erscheinen, was die ganze Fragwürdigkeit des Begriffes (wenn man damit eine spezielle Literatur für die Vierzehn-, Fünfzehnjährigen meint) einmal wieder offenbart. Doch das gemeinsame Zentrum von

Tilman Röhrig: „Thoms Bericht“; Anrich-Verlag, Mülheim/Ruhr, 1973; 133 S., 10,– DM

Rudolf Herfurtner: „Hinter dem Paradies“; Otto Maier Verlag, Ravensburg, 1973; 70 S., 9,80 DM

ist im Grunde mehr der Anspruch, die Wirklichkeit – Umwelt, Erziehung, Psyche – unverkürzt zu präsentieren.

Röhrigs Buch schildert in der Ich-Form’ aus der Rückschau eines Fünfzehnjährigen einen Ablösungsprozeß, der im Austritt aus der Kirche kulminiert – eine schwierige Operation für den Sohn eines Pastors. Die Erzählsituation erzwang den Verzicht auf tiefschürfende Selbstanalyse; dafür wartet Thom mit einer Reihe scharfer Umweltbeobachtungen auf, deren Opfer etwa der Vater und dessen widersprüchliches Verhalten ist. Der Autor mischt sich nur gelegentlich durch eine feine, distanzierende Ironie ein, die aber die „Echtheit“ des Erzähltons nirgends beeinträchtigt. Thom schildert seine sich auch äußerlich zeigende Außenseitersituation, seine Wehleidigkeit, sein Anpassungsstreben, bis er endlich zu sich selber und den Mut findet, den Erwartungen des Vaters nicht mehr zu entsprechen. Rückhaltlos stellt er das Verhalten anderer und eigenes Versagen dar – wahrhaft ein „gemischter Charakter“, an den sich der Leser nicht einfach „anlehnen“ kann.

Herfurtners Bericht ist diffiziler, analytischer. Er handelt von der Einsamkeit und den überwiegend pubertär-sexuellen Nöten des fünfzehnjährigen „Qualle“, der sich in eine Phantasiewelt einspinnt und in seinem Heim, wohin ihn sein Großvater, General a. D., geschickt hat, zum Einzelgänger wird. Im Gegensatz zum positiven Ende von Thoms Bericht endet „Hinter dem Paradies“ mit einer Katastrophe: Qualle wird in eine Nervenklinik eingeliefert. Das will zugleich sagen: abgeschoben; Qualle ist zu einer Belastung für die „Gemeinschaft“ geworden.

Das kunstvoll montierte Nebeneinander der direktorialen Phrasen und der vom Erzähler ironisch aufgenommenen Selbstaussagen einer heilen, selbstgewissen Pädagogenwelt („Im Heim werden die Schüler durch manche geistige Anregung gefördert. Die Freizeit wird sinnvoll gestaltet. Die Heimerziehung ist offen für alle kulturellen Gebiete.“) auf der einen und der Nöte des Einsamen auf der anderen Seite bilden einen außerordentlich wirkungsvollen Kontrast, der zugleich das Versagen der Umwelt entlarvt und das Scheitern Qualles erklärt.