Von Nina Grunenberg

Es war ein Gefühl wie Weihnachten. Die feierliche Ruhe nahm kein Ende mehr. In Blankenese, so meldete eine Funkstreife ins Hamburger Präsidium, hatte ein Vater die Familie auf die Fahrbahn gestellt, um den historischen Tag auf die Platte zu bannen: eine Straße ohne Autos. Auf dem Weg von Hamburg nach Bergedorf waren am frühen Nachmittag nur fünf Personenwagen und sechs Taxen zu zählen und eine Oma, die jedem Autofahrer mit dem Schirm drohte: ein Mahnmal für die Aggressionen, die wie Holland uns lehrt – noch zu erwarten sind?

Aber an diesem Sonntag war noch alles friedlich – bei der Polizei wurden keine besonderen Vorkommnisse gemeldet. Mit einem Gefühl der Erleichterung hatte das vollmotorisierte Volk;-das Fahrverbot begrüßt. Endlich zeigte Bonn seine starke Hand. „Würden die Deutschen auch auf fallen, vieren gehen, wenn es; verordnet würde?“ fragte jemand.

Man nahm es mit Humor. Man telephonierte und sagte: „Wir treffen uns auf halbem Wege.“ In Berlin verabredeten sich bessere Herrschaften zur U-Bahn-Fahrt, um nachzusehen, wie der Ku-Damm ohne Autos aussieht. „Wie benimmt man sich eigentlich in der Straßenbahn“, wurde gefragt und die Parole ausgegeben: „Auf die Bahamas zu fahren ist nicht mehr in. Schick ist es zu wandern.“ Ächzend, als seien sie hochschwanger, aber glücklich, wanderten beinlahme Motoristen durch die Stadtparks und schüchterten gelernte Fußgänger ein, die das Terrain sonst für sich allein haben. Waden wurden: auf neuen Fahrrädern trainiert; Muskeln sind wieder gefragt, denn die Energiekrise hat die eigenen Energien wieder zu Ehren gebracht. Kurz: „Man kommt wieder zu sich.“

Daß es schlimmer werden könnte, will kaum jemand glauben. Ein leichtes Unbehagen allerdings schleicht sich ein, sobald vom Öl gesprochen wird. In Hamburg ist der Heizölpreis von 17 Pfennig auf 46 Pfennig gestiegen. Wahr ist auch, daß in der vergangenen Woche ein Tanker abdrehen mußte, weil im Hamburger Hafen kein Öl mehr unterzubringen ist: alles voll.

Gibt es nun Öl oder keins? „Ich werde das Gefühl nicht los“, sagt die Hausfrau auf der Party, „daß wir ungeheuer verschaukelt werden.“ – „Wer stößt sich eigentlich gesund?“ will man vom Senator wissen. Aber der lächelt nur sauer und sagt: „Das sind die Markt-Methoden.“ – „Das sind Schwarzmarkt-Methoden“, wird ihm entgegnet. „Das nenne ich der grauen Markt“, schlichtet die Hausfrau. Größer wird das Unbehagen erst bei Leuten, die stolz darauf sind, daß sie nicht nur „von zwölf bis mittag denken“. Einer aus dieser Kategorie faßt zusammen: „Im Sommer arbeitslos sein und auf der Parkbank Skat spielen, ist vielleicht noch ein Witz. Aber arbeitslos sein und frieren, das ist der kürzeste Weg zum Kommunismus.“

Zu dieser Gruppe gehört auch Willy, der seinen Freunden die Welt der Arbeit aus der Perspektive der Ameise nahezubringen pflegt: „Ärmer werden wir bestimmt“, sagt er. „Aber irgendwie erfüllt mich das mit tiefer Genugtuung. An uns einfachen Arbeitnehmern sind ja sowieso alle Wellen vorbeigegangen: die Freßwelle, die Urlaubswelle – habe ich alles nicht gehabt, ein Auto habe ich mir auch nicht leisten können. Was war von unserem Reichtum schon echt? Wartet doch mal ab: Vierzehn Tage kein Geld oder kein Öl, da bricht das ganze Pappmaché zusammen.“

Aber noch ist Gelassenheit Trumpf. Sogar Bruno Rogalski, Geschäftsführer des renommierten Ausflugslokals „Fürst-Bismarck-Mühle“ im Sachsenwald, spielte nur piano mit seinen Gefühlen. Doch sein Gewerbe traf der letzte Sonntag schon hart. Bruno Rogalskis Kundschaft ist im Schnitt so potent, daß sie nicht läuft und auch nicht mit der S-Bahn in den Sachsenwald gefahren kommt. Während er sonntags sonst zwischen 90 bis 150 Mittagessen verkauft, wagen es am letzten Sonntag nur 24. Nachmittags kamen in der Hauptsache alleinstehende ältere Damen, die sich an der Tasse Kaffee wärmten. Als sich eine Gruppe von vier jüngeren Leuten dem Speiseraum näherte, hätte Bruno Rogalski sie am liebsten mit dem Lasso eingefangen. Das Sonntagsgeschäft nacht 20 Prozent seines Umsatzes aus – düstere Aussichten also, und er bleibt doch gelassen? „Wissen Sie“, sagt er, „ich bin Jahrgang 1915 und war in russischer Gefangenschaft. Da weiß man, was los ist. Ich bin nur mal gespannt, wie die Junten reagieren. In-deren Vorstellung kommt es ja gar nicht vor, daß/ein Zimmer mal kalt bleibt.“