Viermal trat Industrieminister Jean Charbonnel seit dem Nahostkrieg vor die Pariser Nationalversammlung. Viermal verkündete er optimistische Energieprognosen. Doch seine demonstrative Zuversicht konnte die Abgeordneten nicht überzeugen. Auch in Frankreich geht die Angst vor dem ölnotstand um.

Bis Ende, 1973, so erklärte Minister Charbonnel, rechnet die Regierung nicht mit einem Rückgang der Rohöllieferungen. Denn Paris ist bei den Arabern gut angeschrieben. Eine Lücke trete allenfalls dadurch auf, daß der erhöhte Bedarf nicht durch erhöhte Lieferungen gedeckt werde. Doch für diesen Fall habe man ausreichende Reserven.

Wenn auch Frankreich nicht zum Opfer eines arabischen Boykotts wird, so wird es doch von den generellen Förderrestriktionen genauso getroffen werden wie seine europäischen Nachbarn. Zudem haben die internationalen Ölkonzerne der Pariser Regierung angekündigt, sie müßten ab Dezember ihre Lieferungen um zehn bis fünfzehn Prozent reduzieren.

Offizielle Begründung: Das Öl aus nicht-arabischen Staaten (wie Persien und Nigeria) müsse in Länder umgeleitet werden, die vom arabischen Embargo betroffen sind. Dahinter dürften aber auch handfeste finanzielle Interessen stecken. Denn Paris fror vor ein paar Wochen die Benzinpreise ein. Die Mineralölunternehmen machen, also höhere Gewinne, wenn sie das knappe Öl in Länder mit steigenden Preisen (wie Holland oder die Bundesrepublik) verkaufen.

Immerhin die Hälfte des französischen Rohölbedarfs wird von der staatlichen ERAP und der staatlich kontrollierten Compagnie Française des Pétroles (CFP) geliefert. Die CFP lud zudem bisher, nur drei Viertel ihres aus Algerien stammenden Öls in französischen Häfen aus, könnte also ihre Lieferungen nach Marseille oder Le Havre noch vergrößern. Daß die Ölmanager in Paris es mit geschlossenen Verträgen in der Tat nicht allzu genau nehmen, bekamen die Japaner bereits zu spüren: Die CFP strich ihnen kurzerhand 30 Prozent der bisherigen Lieferungen.

Dieses schlechte Beispiel könnte bei den internationalen Gesellschaften wie Esso, Shell und BP Schule machen und Paris vor Probleme stellen, deren Existenz bisher niemand zugeben will. Doch die Regierung vertraut auf eine alte Waffe: Seit 1928 bekommen die ausländischen Konzerne einen genauen Marktanteil vorgeschrieben, den sie nicht überschreiten dürfen. Paris hofft, daß keine Gesellschaft diese Position aufs Spiel setzen wird.

Die französische Bevölkerung hat sich bereits auf Einschränkungen eingestellt. Nach einer Umfrage vom Anfang des Monats würden 70 Prozent der Franzosen im Zeichen der europäischen Solidarität eine Benzin- und Heizölverknappung hinnehmen. Doch Minister Charbonnel will davon vorerst nichts wissen. Sonntagsfahrverbote und Geschwindigkeitsbegrenzungen seien überflüssig, versicherte er vergangene Woche.

Klaus-Peter Schmid