Die Phantasie reicht offenbar nicht aus, um die Folgen eines längerfristigen Energiemangels zu erfassen. Noch betrachten die meisten Bürger dieses Landes das Sonntagsfahrverbot als Super-Happening. Vereinzelt sind zwar schon Hamsterkäufe zu beobachten, doch die einzige reale Chance, den Benzin- und Heizölmangel in erträglichen Grenzen (und die Preise unter Kontrolle) zu halten, wird – zumindest freiwillig nicht genutzt: Noch signalisiert keine deutlich zunehmende Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel die Bereitschaft, die lebenswichtige Energie dort zu sparen, wo dies ohne große Opfer möglich wäre (siehe Seite 36).

Allerdings muß auch der Vorsitzende des Sachverständigenrates eingestehen, daß heute noch niemand die gesamtwirtschaftlichen Folgen des arabischen Boykotts übersehen kann (Interview mit Professor Kloten, Seite 38). Dazu fehlen die erforderlichen Daten. In der Bundesrepublik ist ja nicht einmal genau bekannt, wie knapp Rohöl heute wirklich ist (siehe oben: „Sagen die Ölkonzerne die Wahrheit?“). Und erst recht weiß niemand, ob der Mangel von Dauer sein wird. Wie das Beispiel der Automobilindustrie, der Chemie und der Gaststätten zeigt, haben aber selbst kurzfristige Energieengpässe ernste Folgen (Seite 39).

In dieser Situation erscheint bereits vielen die Flucht in den Dirigismus angeraten, andere wittern die Chance, die ungeliebte Marktwirtschaft über Bord zu werfen. Ein Mann wie Erhard Eppler sieht endlich die Möglichkeit, die von ihm bereits seit langem als überflüssig erkannte Produktion sprechender Puppen zu stoppen. („Versuchung des Dirigismus“ S. 34).

Dabei haben wir uns durch jahrelangen energiepolitischen Schlendrian so in die Hand ausländischer Energielieferanten begeben, daß wir es uns gar nicht leisten können, sie zu verprellen. Im Gegenteil, Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs muß heute „zwischen Kartellamt und Konzernen lavieren“ (Seite 40), Witt eine hinreichende Ölversorgung der Bundesrepublik nicht zu gefährden. Ein systemverändernder Kraftakt wäre so ziemlich das letzte, was wir uns in dieser prekären Situation leisten können.

Und wer dagegen eifert, daß die Gewinne der internationalen Mineralölgesellschaften dank der Krise steigen, der möge doch erst einmal erklären, wer sonst die Mittel zur Erschließung neuer Lagerstätten in politisch weniger gefährdeten Gebieten bereitstellen soll. Mineralöl ist auf der Erde noch im Überfluß vorhanden – sofern der Preis für seine Förderung gezahlt wird („Wenn Öl so teuer wie Whisky wird“, Seite 45).

Wir haben ohnehin keine Wahl. Ein größerer Teil des Volkseinkommens als bisher muß für den Energieimport und die Förderung der teuren heimischen Kohle aufgewendet werden. Das läßt sich auch durch Preiskontrollen und Rationierung nicht ändern – nur verschlimmern (wie in Italien oder England, siehe Seite 42). Denn selbst wenn es der Wissenschaft gelingen sollte, neue Energiequellen nutzbar zu machen, die uns unabhängiger machen – ohne großen Aufwand an Zeit und Geld ist dieses Ziel nicht zu erreichen („Wunder dauern etwas länger“, Seite 41). Bis dahin aber sorgen keine sozialistischen Parolen, sondern nur eine nüchterne und pragmatische Wirtschaftspolitik für gefüllte Tanks und sichere Arbeitsplätze. Michael Jungblut