Von Helmut Schneider

Nach Makart, dem vergessenen Malerfürsten, und nach dem russischen Realismus nun die Präraffaeliten: Zum drittenmal macht Klaus Gallwitz in der Kunsthalle Baden-Baden Sympathiewerbung für Kunst des 19. Jahrhunderts, die aus dem Blickfeld geraten und mindestens hierzulande nur mehr vom Hörensagen bekannt war. Und auch zum letztenmal: mit der Erinnerung an den träumerischen, mitunter zerquälten Augenaufschlag der "schönen Seelen des viktorianischen Englands" (Eckart Kleßmann hat sie in der letzten Ausgabe des ZEITmagazins vorgestellt) verabschiedet sich der zukünftige Direktor des Frankfurter "Städels" von Baden-Baden.

Die Präraffaeliten, bei uns bis vor wenigen Tagen fast nur Gerücht, werden seit einem Jahrzehnt in den Vereinigten Staaten und in England mit Nachdruck wiederentdeckt. Kunsthandel und Kunstforschung haben in konzertierter Aktion das Interesse an ihnen neu belebt. Die Baden-Badener Ausstellung, immerhin eine Premiere für den Kontinent, kommt so gesehen etwas zu spät. Das hätte durchaus ein Vorteil sein können; das Unternehmen war sicher als Resümee und krönender Abschluß einer Serie von Ausstellungen zu diesem Thema konzipiert. Doch war es dafür offensichtlich schon zu spät: Die malerischen Hauptwerke der Präraffaeliten waren nicht mehr zu haben; die englischen Museen, die sie besitzen, waren nicht bereit, ihre von minderwertigen Kuriositäten zu internationalen Sehenswürdigkeiten avancierten Stücke noch einmal herzuleihen.

Das Fehlen von Spitzen drängte die Ausstellung in die Breite zum Mittelmäßigen. Einige der wichtigen Arbeiten sind wenigstens insofern präsent, als Skizzen eine Vorstellung von der Komposition vermitteln; ein Ersatz für die ausgeführten Gemälde sind sie allerdings kaum.

Es ist doch recht kompliziert, sich auch nur ungefähr klarzumachen, warum diese Arbeiten ganz plötzlich im Mittelpunkt des Interesses standen, ohne sie konkret vor Augen zu haben: Dante Gabriel Rossettis "Ecce Ancilla Domini" etwa (der Maler hat das Bild später in "Verkündigung" umbenannt, um den puritanischen Verdacht zu entkräften, es handele sich um "katholisierende" Kunst) oder John Everett Millais "Christus im Haus seiner Eltern", eine Darstellung, die heftige Kontroversen auslöste. Charles Dickens hatte zu einer der Gestalten des Bildes bemerkt, daß sie "hervorragen würde als ein Scheusal vor allen andern... in der gemeinsten Schnapsbude Englands". Gemünzt waren diese Worte auf die Gestalt der Maria.

Eine sicher unfreiwillige Pointe besteht darin, daß eine Reihe von Argumenten, die in den Texten des Katalogs aufgebaut werden, mangels visueller Überprüfbarkeit ins Leere laufen. Wenn Günter Metken, der den aufschlußreichen und informativen Katalog (er enthält auch einige lesenswerte Beiträge anderer Autoren) sachkundig bearbeitet hat, die Präraffaeliten als die "zornigen Viktorianer" apostrophiert, eine Kennzeichnung, die in bestimmten Grenzen richtig ist, dann möchte man das in der Ausstellung auch bestätigt finden.

Kein Zweifel, die Präraffaeliten hatten sich vorgenommen, die englische Kunst, die in jenen Jahren von Malern wie Edwin Landseer und Franz Xaver Winterhalter – "ein wundervoller Künstler", befand Königin Viktoria im Jahr 1845 – repräsentiert wurde, auf die Beine der Wirklichkeit zu stellen. "Präraffaelisch", das meinte nämlich nicht nur den Rückgriff auf die Kunst vor Raffael, also auf die Kunst des italienischen Quattrocento: Botticelli qua Angelico und Mantegna, das meinte auch in einem mehr allgemeineren Sinn die Hinwendung zu einer Kunst des Unmittelbaren, Einfachen, Realistischen. Millais’ "Schreinerwerkstätte", wie das Bild abschätzig genannt wurde, ist dafür eines der allerdings wenigen Beispiele. Lediglich Ford Madox Brown, kein Mitglied der Gruppe, aber mit ihr verbunden, hat sich ernsthaft um Gegenwartsfragen bemüht. Sein großes Gemälde "Arbeit" ist immerhin der Versuch einer sozialen Allegorie.