Warum Frankreich sich nicht für Europa entscheiden kann

Von Marc Ullmann

Den meisten Nicht-Franzosen, vielleicht sogar den meisten Franzosen, kommt die bisherige französische Außenpolitik höchst widersprüchlich vor. Ein ausländischer Freund hat diese Widersprüche in einem Brief unlängst folgendermaßen formuliert.

1. Einerseits pocht Frankreich noch beharrlicher als seine europäischen Partner darauf, daß amerikanische Streitkräfte in Europa bleiben – andererseits widersetzt es sich einer ganzen Reihe von Vorhaben, die den Amerikanern ein Verbleiben ermöglichen, von den Wiener Gesprächen über Truppenabbau bis zu gemeinsamen Institutionen der Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft.

2. Einerseits behauptet Frankreich, die Ost-West-Beziehungen dürften nicht auf einer Blockzu-Block-Grundlage abgewickelt werden – andererseits hat es großen Anteil daran gehabt, daß die Neun bei der Vorbereitung der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit gemeinsame Positionen ausgearbeitet haben.

3. Einerseits gibt es in Frankreich eine tief verwurzelte Befürchtung, daß sich Westdeutschland von der Allianz wegbewegen könne – andererseits hat Paris bisher jegliche politische Integration Europas verhindert, auch im Bereich der Verteidigungspolitik, die sich als bestes Mittel zur Konsolidierung und Intensivierung des westlichen Zusammenhalts erweisen könnte.

4. Einerseits wäre Frankreichs nuklearstrategische Kraftanstrengung sehr viel glaubwürdiger, wenn ihr von amerikanischer (und auch britischer) Technologie aufgeholfen werden könnte – andererseits hat Frankreich keinerlei Bereitschaft gezeigt, den Zugang zur amerikanisch-britischen Technologie auch nur mit einem so minimalen politischen Preis zu bezahlen, wie ihn eine unauffällige, bescheidene Assoziierung mit der Nato darstellte.