Die Frage wird am Kabinettstisch in Bonn wie an allen Stammtischen gestellt: Wieviel Öl, wieviel Energie werden wir in einem Monat, wieviel im nächsten Jahr haben? – und nicht beantwortet. In einer Welt, in der die Kommunikationsmittel so schnell und umfassend sind wie nie zuvor in der Geschichte, ist es schier unmöglich, den Stand der Ölkrise präzise zu beschreiben. Eine Voraussage über die Entwicklung im nächsten Jahr zu machen hat etwa die Trefferwahrscheinlichkeit eines Totogewinns. Nach Sichtung der vorliegenden Informationen ergab sich für den Ölmarkt Anfang dieser Woche folgendes Bild:

Nach dem Beschluß der arabischen Staaten Mitte Oktober – erstens Drosselung der Ölförderung um 25 Prozent, zweitens Ölembargo gegen die USA und die Niederlande und drittens Erhöhung der Rohölpreise um rund ein Fünftel – ist in diesen Ländern bisher jeder Tanker beladen worden. Die Mineralölgesellschaften haben jedoch weniger Tanker in diese Region beordert. Angeblich ist die Tankerkapazität um jenen Prozentsatz reduziert worden, der normalerweise in die USA verschifft wird. Das Absinken der Tankerfrachtraten ist ein Indiz dafür, daß weniger Tankerkapazität gefragt ist.

Der Irak hat in den letzten Wochen die Öltransporte über den Golfhafen Basra sogar verstärkt. Das Öl geht vorzugsweise nach Japan. Die Iraker waren zu dieser Maßnahme gezwungen, weil die Ölleitungen von Kirkuk ans Mittelmeer durch den Nahostkrieg für einen Monat unterbrochen waren. Seit Mitte des Monats pumpen nun die Iraker durch die wiederhergestellten Leitungen genauso viel Öl wie vor Kriegsbeginn. Nach Ansicht von Fachleuten ist es jedoch verfrüht, daraus abzuleiten, daß der Irak aus der Boykottfront ausbricht. Vorerst solle offenbar der durch den Krieg eingetretene Lieferrückstand aufgeholt werden.

In welchem Ausmaß die arabischen Staaten bislang die Förderung gedrosselt haben, ist unklar, da die Fördergesellschaften jede Auskunft verweigern. Nach Informationen des Bundeswirtschaftsministeriums „liegen die Rohölproduktionsausfälle bei 15 bis 20 Prozent“, so der Leiter der Energieabteilung Ulf Lanzke. „Bis zum letzten Komma kann das niemand sagen, aber wir haben es so sorgfältig wie möglich gecheckt.“

Legt man die Importzahlen des letzten Jahres zugrunde, so würden damit für die Bundesrepublik etwa 15 Millionen Tonnen Rohöl im Jahr ausfallen, also rund 12 Prozent der Importmenge. Der Ölmarkt basiert jedoch nur zum geringen Teil auf zweiseitigen Lieferabkommen zwischen den Staaten. Die großen Ölkonzerne nehmen vielmehr je nach Marktlage weltweit einen Ausgleich zwischen Liefer- und Abnahmeländern vor. Dabei gehört es zu den Usancen, daß die Lieferungen kurzfristig disponiert werden, während die Tanker schon Kurs auf Westeuropa laufen.

Der rechnerische Ausfall ist also kein Maßstab dafür, wieviel Öl im Endeffekt nicht geliefert wird. So wurden nach dem Embargobeschluß der Araber Lieferungen aus Nigeria und Venezuela in die USA umdirigiert. Es ist also möglich, daß die Anlandungen für die Bundesrepublik aus diesen Ländern zurückgehen, obwohl dort voll gefördert wird.

Inzwischen gibt es erste Meldungen über einen Schwarzmarkt für Erdöl. Informationen aus Brüssel besagen, daß belgischen Firmen Öl aus Tankern angeboten wurde, die vor der schottischen Küste oder zwischen Schottland und Island kreuzen und auf Weisungen zum Entladen warten. Als Preis wurden neun Dollar je Barrel (158,9 Liter) genannt; das ist mehr als das Doppelte des normalen Preises. Die Herkunft des Öls ist unbekannt. Nach einer Version soll es aus Nigeria stammen, nach einer anderen aus Nahostländern, die so das Embargo umgehen.