Jtalien erlebte die Generalprobe für den Energienotstand bereits im Sommer. Damals stellten viele Tankstellen den Benzinverkauf ein, weil sie mit den Preisen nicht mehr zurechtkamen. Jetzt zwingt eine echte Knappheit zur Sparsamkeit. Die römische Regierung hat deshalb ab 1. Dezember ein Fahrverbot für den gesamten privaten Auto- und Motorradverkehr an Sonn- und Feiertagen beschlossen. Tankstellen werden jeweils an den Vortagen des Verkehrsverbotes bereits um zwölf Uhr geschlossen. Geschwindigkeitsbeschränkungen und eine kräftige Erhöhung der staatlich festgesetzten Preise für Benzin und Heizöl ergänzen das sonntägliche Fahrverbot.

Das alles mußte geschehen, obwohl Italien die größten Raffineriekapazitäten Europas besitzt und bisher jährlich ein Viertel der Raffinerieerzeugung ins Ausland exportierte. Es half auch nichts, daß Italien als stets araberfreundliches Land keineswegs von den Scheichen boykottiert wird und daß der staatliche Energiekonzern ENI mit seinen Ölquellen in den Förderländern ein Viertel des nationalen Ölmarktes beherrscht.

Benzin und Heizöl gingen den italienischen Händlern und Verbrauchern deshalb aus, weil die staatlich festgesetzten Preise (ohne Steuern, ab Raffinerie) zuletzt um zwei Drittel unter denen im übrigen Europa lagen. Die Folge: Immer mehr Öltanker machten einen großen Bogen um die italienischen Raffinerien. Selbst ein Ausfuhrverbot für leichtes Heizöl konnte die Ebbe in den Tanks nicht mehr verhindern.

Unter den Folgen der Sparmaßnahmen müssen einige Wirtschaftszweige schwer leiden. Betroffen wird nicht zuletzt auch der Tourismus (vgl. auch Seite 34), von dem ein guter Teil der Bevölkerung vor allem am Meer und im Gebirge lebt. Man schätzt, daß allein die Italiener an den 52 Wochenenden eines Jahres insgesamt 4000 Milliarden Lire (16 Milliarden Mark) ausgeben. Mit einem Gebührenausfall von umgerechnet 200 Millionen Mark rechnen die italienischen Autobahnverwaltungen. Fiat berichtet über starke Rückschläge im Export.

Selbst die Lebensgewohnheiten ändern sich. Die von der Regierung angeordnete „europäische“ Dienstzeit von acht bis siebzehn Uhr bringt die Italiener um ihre mehrstündige „Spaghetti-Mittagspause“. „Früher Ladenschluß und Sandwich statt Spaghetti, das ist Italiens Anschluß an Mitteleuropa“, spöttelt die Mailänder Presse.

Friedhelm Gröteke