Ein aktuelles pädagogisches Lexikon hält nicht, was sein Titel verspricht

Von Hayo Matthiesen

Das kennt man: Wenn ein Professor einem anderen öffentlich auf die Schulter klopft, dann ist allemal Skepsis geboten; wenn es zudem so deutlich und drastisch geschieht wie in diesem Fall, dann scheint von vornherein sicher, daß etwas faul ist.

Heribert Heinrichs, der Mediendidaktiker der Pädagogischen Hochschule Hildesheim, ist es, der seinem Kollegen Gerhard Wehle, Ordinarius für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Rheinland, überreiches Lob spendet. In Heinrichs’ Eloge (in der Oktobernummer der Fachzeitschrift „aula“) heißt es: „Was wir... brauchen, sind offene, unabgeschlossene, die Diskussion in Gang haltende, den letzten Wissensstand anreißende, modern operierende, dem Leser keine Lernzwangsjacke anlegende Informationsquellen, die leicht benutzbar, handlich und überschaubar sind. Uneingeschränkt darf gesagt werden, daß es Gerhard Wehle hervorragend gelungen ist, dies alles in den vorliegenden drei Bänden intensiv zu verwirklichen.“

Ein Jahrhundert-Buch also, ein großer Wurf und ein Werk gar für die Unsterblichkeit des Pädagogen Wehle? Mitnichten, durchaus kein Ruhmesblatt, sondern im Gegenteil eine fragwürdige, mittelmäßige und streckenweise schlechte Publikation –

Gerhard Wehle (Hrsg.): „Pädagogik aktuell – Lexikon pädagogischer Schlagworte und Begriffe“; Bd. 1: Erziehung, Erziehungswissenschaft 205 S.; Bd. 2: Bildungsforschung, Bildungspolitik 206 S.; Bd. 3: Unterricht, Curriculum 200 S.; Kösel-Verlag, München, 1973, einzeln je 20,– DM, zus. 54,– DM.

Dabei haben sicherlich viele von denen, die sich mit pädagogischen und bildungspolitischen Fragen beschäftigen, gerade auf ein aktuelles Lexikon dieser Art gewartet. Denn es gibt zwar große Nachschlagewerke wie das „Pädagogische Lexikon“ des Bertelsmann Fachverlages oder „Das neue Lexikon der Pädagogik“ aus dem Herder-Verlag; doch das sind Editionen mit einem gewissen Ewigkeitscharakter, und deshalb sind Grundsatzartikel ihr hervorstechendes Merkmal, aber nicht Aktualität. Für die tägliche, unübersichtliche und vielschichtige bildungspolitische Diskussion in Fachzeitschriften und in der Presse gab es bisher kein Kompendium, das Orientierungshilfen bot.