Von François Bondy

Über diese Satiren sollte eigentlich jemand schreiben, der Helmut Qualtinger nicht in seinen Wiener Kabarettjahren gesehen hat, nicht in der Mariettabar im Eden Hotel, ihn nicht in seinen Rezitationen gehört hat, nicht einmal von den Schallplatten kennt. Denn wie wirken seine Texte, abgelöst von der wuchtigen und lustigen Präsenz des großen Mimen und Sprechers? Wird der Leser, der sich die Betonungen, die Pausen, die samtenen oder tückischen Augenbewegungen dazudenken muß, nicht überfordert? Wie kommt neben dem Qualtinger, der es selber bietet, ein Leser weg, als ein do it yourself-Qualtinger? Es ist eine der Fragen, die dieser Band stellt –

Helmut Qualtinger; „Qualtingers beste Satiren – Von Travnicek zum Herrn Karl“; Verlag Langen Müller, München, 1973; 352 S., 14,80 DM.

Immerhin hat Karl Kraus überlebt – allen Zeugnissen nach ein genialer Rezitator des eigenen Werks –, von dieser Präsenz getrennt und sogar oft jenseits des besonderen, lang vergessenen Anlasses. Für vieles, das Qualtinger schrieb, ist dieser Vergleich nicht zu hoch gegriffen. Herr Travnicek, der österreichische Tourist als raunzender Rüpel, ist auch für den Leser von einer Komik, die durch Mark und Bein geht. „Was sagen Sie zu Moskau, Herr Travnicek?“ – „Des is ka Stadt zum Ankommen.“ Und der Schluß: „Was glauben’S, was mir für a Hetz gehabt haben. Lauter so Burschen wie i ... Leut hab’mer ang’stänkert... Die Russen haben sich g’furchten ...“ – „Ich verstehe Ihre Motive, Travnicek. Sie wollten sich für das Jahr 1945 revanchieren.“ – „Aber ne. Wir benehmen uns überall so, wo mir hinkommen

Im ersten Teil, „Oh, du mein Österreich“ (ein Weigelscher Titel), kommt gleich nach dem mühsamen „Kidnapping-Brevier“ die zu Recht berühmte Radioansprache für die Landbevölkerung über regional differenzierte Methoden der „Ahndlvertilgung“, von den Hacken der Bauern im sonnigen Kärnten bis zum Most in „Oberösterreich, der Heimat des Führers“, der imstande ist, „auch dem härtesten Großvater das Handwerk zu legen“. Vor solche Kostbarkeiten hätte nicht eine Seite Aphorismen gesetzt werden sollen. Wie Wilhelm Busch nur Verse und nie Prosa schreiben konnte, so ist Qualtinger nur dort großartig, wo die Sprache im Dienst des kabarettistisch satirischen Monologs steht – auch seine Schauspiele, wie der hier gedruckte „Ringtheaterprozeß“, sind damit nicht vergleichbar.

Über den „Herrn Karl“, Schlußfeuerwerk des Bandes, ist schon alles gesagt worden; es sind die auf vielfaches Verlangen immer wieder prolongierten „letzten Tage der Untermenschheit“ – Herr Karl ist eine hassenswerte und dennoch der bloßen Polemik enthobene „Figur“, ein Unüberwindlicher.

Brigitte Erbachers geistreich informatives Nachwort erinnert an das Kabarett- und Kabinettstück „Der Halbwilde“. In diesem Band fehlt es, wo man die „Sauerbruchoperette“, die Qualtinger immer noch gern bringt, eher missen könnte. Von Qualtingers neuer gelegentlicher Tendenz zur Tendenz – das heißt: in der Manier mancher bundesdeutscher Kabarettisten eher mit Meinung als mit Gestaltung zu wirken – ist dieser Band noch nicht berührt. Seiner Natur nach liegt Qualtinger nichts ferner als die Verwechslung von Polemik mit Satire, von Leitartikel mit Sprachkunstwerk. Möge es nie dazu kommen, daß der frühere Qualtinger gegenüber dem heutigen zu einem Nostalgie-Effekt wird!