Von Wolfram Siebeck

Das ist das Bedauerliche am Fortschritt, daß wir ihn nicht umsonst kriegen. Da hatten wir jetzt unseren ersten autofreien Sonntag; ein Fortschritt, zweifellos. Doch wie haben wir dafür bezahlen müssen! Die chaotischen Zustände in den Küchen und Wohnzimmern forderten von der daheimgebliebenen Bevölkerung hohe Opfer.

Verzweifelte Städter, der Möglichkeit beraubt, wie gewohnt mit dem Wagen die näheren Ausflugsziele anzusteuern, benutzten in ihrer Hilflosigkeit die öffentlichen Verkehrsmittel. Es kam zu zahlreichen Zusammenstößen an den Bus- und Straßenbahnhaltestellen. Tausende irrten stundenlang durch die Straßen, in denen sie sich Auto nicht mehr zurechtfanden. In Hamburg ertranken 35 Menschen bei dem Versuch, die Binnenalster zu durchschwimmen, um das andere Ufer zu erreichen. Durch die ungewohnte Belastung brachen in der Frankfurter Innenstadt mehr Knöchel als im ganzen Monat Februar in Gstaad. Im gesamten Bundesgebiet war die Feuerwehr pausenlos im Einsatz, weil viele Familienväter den autofreien Sonntag benutzten, um endlich einmal die defekte Klingel (Waschmaschine, Deckenlampe) zu reparieren. Mehr als 350 Personen, werden noch vermißt, die ihre Wohnung nur mal eben verließen, um eine Schachtel Zigaretten zu holen oder einen Brief zum Kasten zu bringen – zu Fuß.

Die schwersten Verluste erlitt die Bevölkerung jedoch in den immobil gewordenen Familien. Bereits in den Vormittagsstunden des Sonntags kam es zu über 6000 Auseinandersetzungen, die den Grad der üblichen Sonntagsstreitigkeiten um ein Vielfaches übertrafen. In den meisten Fällen waren es die Familienväter, die die Nerven verloren, als sie erkannten, daß sie den Rest des Tages mit der sie umgebenden Familie zwischen den sie umgebenden Wänden würden verbringen müssen. Der’dabei angerichtete Sachschaden ist erheblich. Mit dem Mittagessen häuften sich die Katastrophen. In vielen Familien, die die gewohnten Restaurants nicht zu erreichen wußten und auf die Kochkünste der Mama angewiesen waren, brach Panik aus. Die Familienkräche folgten räumlich und zeitlich so nahe aufeinander, daß gegen 16 Uhr in den Ballungsgebieten der Notstand ausgerufen wurde. Frauen liefen mit aufgelösten Haaren auf die Straße, Männer schrien ihre Verzweiflung zum Fenster hinaus, Kinder trampelten Kinder nieder. Die älteren Einwohner, die sich noch an den Krieg erinnern konnten, verglichen die Ereignisse des Sonntagnachmittags mit den "schrecklichen Bombennächten 43/44" und mit "Stalingrad".

Auf den verwaisten Autobahnen kam es zu herzzerreißenden Szenen. Am Frankfurter Kreuz übergoß sich ein Mercedesfahrer mit Kühlwasser und versuchte, es in Brand zu setzen. Zahlreiche Porschefahrer wurden mit einer Überdosis Zündschlüssel in die Krankenhäuser eingeliefert;

In Essen mißhandelte die aufgebrachte Menge einen 35jährigen Mann, der die unfreiwilligen Fußgänger zur Einsicht mahnte. Das eingesparte Öl, so sagte er, bevor die Zuhörer über ihn herfielen, käme unserer Industrie zugute, die auf diese Weise ihre Autoproduktion nicht verringern müsse.

Nicht zuletzt ist diese Einsicht eines einzelnen als Fortschritt zu begrüßen. Doch, wie gesagt, wir haben ihn teuer bezahlen müssen.